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Drohnenkrieg : Leben unter Drohnen

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Zudem sind bewaffnete Drohnen in einer weiteren Hinsicht für westliche Gesellschaften attraktiv, womit wiederum die Schwelle zur Gewalt weiter gesenkt werden könnte: Weil sie eine gleichbleibende „Menge“ an Gewalt durch den Einsatz von weniger Personal und Sachkosten erreichen, sind sie sogenannte „forcemulitiplier“. Das passe gut zu der geistige Konstellation von Gesellschaften, die auf Effizienz und Verbilligung getrimmt sind. Walter Benjamin hat schon im Jahr 1935 in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ an „die fernlenkbaren Flugzeuge, die keine Bemannung brauchen“, gedacht. Sie symbolisieren eine „technische Großtat“ für eine Technik der unbegrenzten Wiederholbarkeit: Der Einsatz dieser Mittel wird banal und billig. Das Gegenteil dieses Phänomens ist das Selbstmordattentat oder auch der Kamikazeangriff, weil in ihnen das einmalige und unwiederholbare Lebensopfer verlangt ist.

Auch in diesen Argumenten liegt eine Ambivalenz. Man kann nämlich fragen, ob es nicht in der Vergangenheit Konflikte gab - etwa der Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 -, in denen ein womöglich gebotener militärischer Einsatz zur Rettung von Leben unterblieb, weil es kaum eigene Interessen in der betreffenden Region gab und sich in den westlichen Ländern für die bloße Nothilfe keine Mehrheiten mobilisieren ließen. Es ist - außer man vertritt eine radikalpazifistische Position - nicht von vorneherein ausgemacht, dass die Senkung der politischen Hemmschwelle für ein militärisches Eingreifen immer unerträgliche Folgen haben müsse. Vielleicht würden schwerste Menschenrechtsverletzungen verhindert, wenn die Risiken für die Interventionssoldaten durch Drohnen deutlich gesenkt werden könnten.

Die Kritiker der Beschaffung von Drohnen argumentieren aber nicht nur mit der Senkung der Hemmschwelle im Bereich des Rechts zum Krieg. Auch das „Recht im Krieg“ stehe auf dem Spiel. Das einschlägige Argument lässt sich in die plakative Frage kleiden: Befördern Drohnen eine Art „Joystick-Mentalität“, in der reales Töten wie ein Knopfdruck an der Spielekonsole empfunden wird?

Dass räumliche Entfernung auch innerlich von einem Geschehen distanziert, ist eine psychologische Allerweltsweisheit. Die Antwort, die man gegenwärtig wohl geben muss, lautet allerdings: Dieser Aspekt muss dringend mit Hilfe empirischer Wissenschaft untersucht werden. Bislang gibt es keinen eindeutigen Nachweis für eine Joystick-Mentalität. Im Gegenteil: Untersuchungen von Peter W. Singer, einem der führenden amerikanischen Fachleute für Militärtechnik, zeigen, dass auch Drohnenpiloten mitunter unter Traumata leiden. Die Bomberpiloten verlassen nach Abwurf ihrer todbringenden Fracht mit hoher Geschwindigkeit den Ort der Verwüstung; das Auge der Drohne bleibt auf das Ziel gerichtet und überträgt die Bilder auch an den Arbeitsplatz, an dem der Angriffsbefehl ausgeführt, die Zielkoordinaten eingegeben wurden.

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