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Drohnenkrieg : Leben unter Drohnen

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Ambivalent ist auch der Aspekt, dass Drohnen genauere Informationen als alle anderen Aufklärungssysteme liefern können. Eine Facette des Phänomens besteht darin, dass der Mensch angesichts einer Überfülle von Daten unter Zeitdruck häufig gar nicht in der Lage ist, die Berechnungen und Handlungsoptionen nachzuvollziehen, die ihm ein Computer zur Verfügung stellt. So kann der Entscheider in Wirklichkeit zum Befehlsempfänger und der Mensch zunehmend durch Maschinen entmündigt werden. Doch ist es auszuschließen, dass die Berechnung des Computers besser sein könnte als die eines Menschen?

Das zentrale Argument der Befürworter von Drohnen, dass nämlich deren Einsatz den Schutz von Soldaten und Zivilisten fördere, überzeugt demnach nicht. Man kann mit ähnlich guten Gründen argumentieren, dass der Einsatz von Drohnen eine Kaskade von Wirkungen und Gegenwirkungen freisetzt, die das Ausmaß an Gewalt und Zerstörung in der Summe erhöht. Die Entscheidung, bewaffnete Drohnen anzuschaffen, ist daher mit Risiken verbunden, die auch prognostisch kaum seriös abzuwägen sind. Diese Risiken im Blick zu behalten und auf neue und verbesserte Folgenabschätzungen zu setzen ist eine elementare ethische Forderung, der sich die Entscheider unterwerfen müssen.

Eine Vermutung, bestenfalls eine Prognose, ist auch das zentrale Argument derer, die den Einsatz bewaffneter Drohnen ablehnen: „Die Schwelle zum Einsatz militärischer Gewalt wird gesenkt, wenn Drohnen zur Verfügung stehen, weil sie die Risiken der Gewaltanwendung reduzieren.“ Der Vorteil, den Befürworter des Einsatzes von Drohnen erkennen, wird in sein Gegenteil verkehrt. Die Kritik wird auf zwei Ebenen vorgebracht: auf derjenigen, des „Rechts zum Krieg“ und auf derjenigen des „Rechts im Krieg“.

Zunächst zum sogenannten Recht zum Krieg, das heute aufgrund des grundsätzlichen völkerrechtlichen Gewaltverbots eigentlich „Recht gegen Krieg“ (ius contra bellum) heißen müsste: Der Tod von Soldaten und Zivilisten ist nicht nur persönliches Schicksal, sondern auch eine schwere politische Bürde. Gerade in westlichen Ländern wird nach dem Tod eigener Soldaten und auch von Zivilisten zumeist der Sinn des ganzen militärischen Unterfangens in Zweifel gezogen. Dieser Verantwortungsdruck entfaltete bisher eine pazifizierende Wirkung. Dieser Effekt könnte unter dem Eindruck der Möglichkeiten des Drohnenkrieges jetzt schwächer werden und „die politischen Kosten militärischer Einsätze kontrollierbar“ halten, wie es in einer Studie der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung heißt.

Ein havariertes Fluggerät zählt zu Recht unendlich weniger als ein gefallener Soldat. Wenn bei militärischen Einsätzen mit wenigen Gefallenen zu rechnen ist, könnte das die Bereitschaft zu einem Waffengang erhöhen. In „postheroischen Gesellschaften“ könnten unbemannte Systeme eine große Versuchung zur Anwendung militärischer Gewalt werden - eines Vorgehens, dessen Kosten sie andernfalls nicht zu tragen bereit wären.

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