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Weimarer Verhältnisse? : Warum Berlin weit davon entfernt ist, Weimar zu sein

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Zwar spricht die Statistik in dieser Hinsicht leider eine deutliche Sprache; aber das Maß an sozialer Ungleichheit reicht längst nicht an die historischen Verhältnisse der Zwischenkriegszeit heran. Die wahrscheinlich weitaus größere Herausforderung liegt woanders, nämlich in den Folgen der als alternativlos propagierten Wettbewerbsgesellschaft. Seit Jahrzehnten nunmehr werden in der Arbeitswelt vom Einzelnen der selbständige Erwerb der bestmöglichen Persönlichkeitselemente und ihre Bereitstellung für die Berufswelt erwartet. Die Forderung nach Selbstentfaltung und Kreativität des Arbeitnehmers, die zur Ware auf dem Arbeitsmarkt geworden ist, beherrscht das Feld. Lebenslanges Lernen, Mobilität und Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt sind wichtige Anforderungen der „Wissensgesellschaft“ geworden. Wie immer man die Tendenz auch nuanciert: das Ziel ist das autonome, marktbereite, arbeitende Individuum, das sich befreit hat von Bindungen, Traditionen und persönlichen Loyalitäten; das stets bereit ist, in die eigene Arbeitskraft zu investieren und zugleich die Risiken dieses Investments selbst trägt.

Zu solcher theoretisch propagierten und praktisch eingeforderten Höchstbeanspruchung des arbeitenden Menschen passt die zeitlich parallele Steigerung der sozialen Ungleichheit ausgesprochen schlecht. Und wie man an nicht wenigen europäischen, aber auch an den amerikanischen Wahlergebnissen ablesen kann, greift ein tiefes kollektives Missbehagen an diesen Tendenzen Platz. Fast scheint es so, als sei es ein Großteil der Wählerinnen und Wähler leid, immer wieder aufs Neue an die kompetitiven Notwendigkeiten der Globalisierung erinnert zu werden, und dies auch dann, wenn es ihnen selbst ökonomisch gar nicht so schlecht geht.

Deutschlands stabile Demokratie

Nun sind dies keineswegs spezifisch deutsche Phänomene, und insofern geht es hier auch nicht mehr nur darum, wie aktuell die „Weimarer“ für unsere heutigen Verhältnisse sein könnten. Abschließend stellt sich daher die Frage nach der Stellung der deutschen Demokratie in Europa. Der „Blick von außen“, wie ihn Hélène Miard-Delacroix in dieser Serie so klug zusammengefasst hat, macht zumindest eines deutlich: Wir Deutschen haben eigentlich keinen Grund dazu, irgendein Sonderbewusstsein zu pflegen. Im internationalen Vergleich steht die deutsche Demokratie stabil da; ihre Repräsentanten sind geachtet; Kontinuität und Berechenbarkeit zeichnen die deutsche Regierungspolitik aus, und das unabhängig von ihrer Parteifarbe. In den internationalen Beziehungen spiegelt sich dies in Ansehen und Einfluss wider, über den die Bundesrepublik verfügt.

Der Bedeutung Berlins im internationalen Feld als eine saturierte Mittelmacht, die auf Frieden, Kommunikation und Ausgleich dringt, entspricht ein überwältigender innenpolitischer Konsens über die ideellen Grundlagen dieser Politik. Mit der stets schwierigen, umstrittenen und den inneren Zwiespalt steigernden Weimarer Außenpolitik ist das auch nicht von ferne zu vergleichen. Wenn man bedenkt, in welchem Maße die Außenpolitik die „Weimarer Verhältnisse“ polarisierte – bis hin zum politischen Mord am Reichsaußenminister Walther Rathenau 1922 – ermisst man den Unterschied.

So betrachtet, weitet sich der Blick auf das Scheitern der Weimarer Republik im europäischen oder gar gesamtwestlichen Sinne. Die Erinnerung an Weimar als die Demokratie, die ihre Freiheit verspielte mit all den entsetzlichen Folgen, bleibt ein Menetekel. Sie bleibt ein Lehrstück für die Gefährdung und Selbstgefährdung der Freiheit. Aber vielleicht ist es heute, da die Bundesrepublik eine gereifte Demokratie ist und zu ihrer Legitimation nicht mehr der Negativfolie Weimars bedarf, an der Zeit, die historische Erinnerung an das Scheitern der Republik zu europäisieren. Dazu gehört insbesondere das Bewusstsein von dem nicht Selbstverständlichen, von dem immer möglichen Einbruch des gänzlich Unerwarteten in die Geschichte.

Wie war doch die Stimmung zu Neujahr 1933? „Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen“, so konnte man in der „Frankfurter Zeitung“ lesen. Und praktisch alle Leitartikel in der demokratischen Presse stimmten darin überein, dass das Schlimmste vorüber, die deutsche Demokratie gestärkt sei.

Wir lernen also nicht direkt aus der Geschichte im Sinne von politischen Handlungsanweisungen; Berlin ist auch weit davon entfernt, Weimar zu sein. Aber gestern wie heute mahnt Weimar zur politischen Wachsamkeit.

Der Verfasser lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte.

Das Kooperationsprojekt „Weimarer Verhältnisse“

Die Essay-Reihe „Weimarer Verhältnisse“ war ein Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, dem Bayerischen Rundfunk und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nachzuhören sind alle Beiträge unter www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturjournal, nachzulesen unter www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart. Sie erscheinen im Frühjahr 2018 außerdem im Reclam Verlag.

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