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Weimarer Verhältnisse? : Warum Berlin weit davon entfernt ist, Weimar zu sein

  • -Aktualisiert am
Schülerausgabe der am 31. Juli 1919 in Weimar beschlossenen „Verfassung des Deutschen Reiches“

In der Weimarer Republik gab es freilich auch extremistische und gewaltbereite Demokratiefeinde von links. Die KPD war weder bereit noch fähig, analytisch klar zu unterscheiden zwischen der „bürgerlichen“ Demokratie mit ihren verbrieften Freiheiten und dem „Faschismus“. Kommunistische Theorie und Propaganda subsumierten beides unter den Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus. Zwar waren die Kommunisten allein zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd in der Lage, ihr Ziel zu erreichen, nämlich den Staat von Weimar zu stürzen. Aber sie schwächten die demokratischen Kräfte. Das galt zu allererst für die Sozialdemokraten, in denen sie in aller Regel nichts anderes als „Arbeiterverräter“, Agenten des Kapitals und „Sozialfaschisten“ sahen. Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, die überdies durch die bürgerkriegsartigen Kämpfe von Ende 1918 bis 1920 mit Blut besiegelt worden war, bildete eine schwere Belastung der Weimarer Demokratie. Von solchen Zuständen sind wir heute weit entfernt. Zwar hat sich das vereinigte Deutschland an die dauerhafte Existenz einer Linkspartei gewöhnen müssen, die in Teilen wohl auch eine andere Republik anstrebt. Insgesamt aber stellt sie keine militante Gefährdung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung dar.

Parallelen in der politischen Medienkultur

Politische Kräfte in der Demokratie wirken stets auch durch Medien, und für extremistische Kräfte gilt dies erst recht. Die Entwicklung der Medien ist denn auch ein Dauerthema in der politisch-kulturellen Debatte der Gegenwart. Argumentiert wird dabei meist kurzfristig und in Abhängigkeit von den jeweiligen politischen Präferenzen und Konjunkturen. So gilt das Internet als „demokratischstes aller Medien“ und wurde phasenweise als kultureller Treiber der Demokratisierung gefeiert. Im Zeichen aktueller populistischer Tendenzen verfliegen indes die demokratischen Utopien, und es überwiegen eher besorgte Stimmen.

Ideologisch gefüllte „Echokammern“ verbreiten verschwörungstheoretisch aufgeladenen Hass und bestätigen sich permanent selbst im Widerhall abstruser Fake News. Zugleich wird der schwindende Einfluss politischer „Leitmedien“ konstatiert. Zweifellos ist die politische Öffentlichkeit unübersichtlicher geworden; längst ist sie nicht mehr so klar strukturiert wie im vordigitalen Zeitalter, geschweige denn wie in der „alten“ Bundesrepublik. Die Orientierung in ihr ist aufwendiger geworden. Lässt man aber die technische Dimension dieses Prozesses beiseite, so weist die heutige Situation durchaus Parallelen mit der politischen Medienkultur von Weimar auf.

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Im Rahmen der damaligen technischen Möglichkeiten, die sich weitgehend auf Text und Bild in den Printmedien beschränkten, gab es eine extreme Vielfalt an politischen Positionen, Vorstellungen und Forderungen. An übergreifenden Leitmedien mangelte es. Die Presse der Weimarer Republik war stark zerklüftet und spiegelte die Spaltung der politischen Kultur entlang ihrer Milieugrenzen wider. Unterhalb der großen Öffentlichkeit existierten Tausende kleiner Zirkel mit eigenen Druckerzeugnissen. Hier tummelten sich zahlreiche freidenkerische, lebensreformerische, linksradikale und insbesondere auch völkisch-rassistische Gruppierungen, die ihre eigenen medialen Sumpfblüten und „Echokammern“ erzeugten.

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