Die Rote Kapelle : Rote Agenten unter uns
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Bild: Hauri, Michael
Operation „Fadenkreuz“: Wie die Vorläuferorganisation des BND den Gestapo-Mythos von der kommunistischen Roten Kapelle in die Nachkriegszeit rettete.
Der Widerstand gegen Hitler hat es im Nachkriegsdeutschland nicht leicht. Anfangs wurden die Hitler-Gegner von den Alliierten und der öffentlichen Meinung hofiert. Doch schon Ende der vierziger Jahre wechselte die Stimmung. Männer wie der bayerische Justizminister und CSU-Mitbegründer Josef Müller, vor 1945 als Mitglied der Widerstandsgruppe um Admiral Canaris zwei Jahre in Haft, mussten sich öffentlich als „Kryptokommunist“ beschimpfen lassen. Verfemt waren Widerstandskämpfer, die der Roten Kapelle zugerechnet wurden. Dabei war es gerade dieses lockere Berliner Netzwerk mit seinen über das Reich verstreuten Gruppen, das den Widerstand in den Alltag des Nationalsozialismus getragen hatte.
In den Gruppen, die der Roten Kapelle zugerechnet wurden, versammelte sich ein breites soziales und politische Spektrum: Angehörige des gehobenen Bürgertums, einfache Arbeiter, Sympathisanten der äußersten Linken, bündisch-nationale Rechte. Ihre Mitglieder unterstützten Verfolgte, versteckten Juden und versuchten, ihre Mitbürger unter den Bedingungen des Terrors durch Flugblätter und Klebezettel aufzurütteln.
Jedoch galt gerade dieses Widerstandsnetz seit den fünfziger Jahren als kommunistische, von Moskau gelenkte und hauptsächlich auf Spionage ausgerichtete Organisation, die mit „echtem“ Widerstand nichts zu tun gehabt habe. Reinhard Gehlen und seine „Organisation“, aus der 1956 der BND hervorging, trugen maßgeblich dazu bei, diese Deutung im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Die CIA notierte 1955, die Verfolgung der Roten Kapelle sei eine von Gehlens „pet projects“. Karl-Eberhard Henke, ein enger Mitarbeiter, schrieb 1972, die Jagd nach der Roten Kapelle sei ein „entscheidend wirksames Motiv“ gewesen, um im Inland tätig zu werden.
Es war die Gestapo, welche die Vorstellung geprägt hatte, das Widerstandsnetz um Oberleutnant Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack bilde mit den Spionageringen des sowjetischen Militärgeheimdienstes in Westeuropa eine organisatorische Einheit. Sie war zufällig auf eine beiläufige Verbindung zwischen ihnen gestoßen und hatte sie für zentral gehalten. Die Gestapo nannte die Organisation, die sie zu entdecken glaubte, die Rote Kapelle. Sie hielt an dieser Fiktion fest, um die im Sommer 1942 entdeckten Widerstandsgruppen als von Moskau gesteuert auszugeben.
Mit erzwungenen Geständnissen wurde diese Version vor NS-Gerichten durchgedrückt. Im Reichskriegsgericht sorgte Manfred Roeder, ein Günstling Görings, als Vertreter der Anklage dafür, dass mehr als hundert Personen aus unterschiedlichen Widerstandsnetzen verurteilt wurden. Einige der Verurteilten, wie Rudolf von Scheliha und Ilse Stöbe, jüngst vom Auswärtigen Amt als Widerstandskämpferin anerkannt, hatten gar nie Kontakt zu Schulze-Boysen und Harnack.
Die ideologisch überformte Fehldeutung der Gestapo hielt sich bis zum Ende des Kalten Krieges. An ihrem Weiterleben arbeiteten aus unterschiedlichen Gründen die Täter von ehedem, westliche Geheimdienste und die Organisation Gehlen. Unterstützt wurden sie von der ostdeutschen Propaganda, die das relative Versagen der KPD im Dritten Reich zu kaschieren suchte, indem sie ebenfalls von einer kommunistischen Roten Kapelle sprach.