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Konjunkturen der Gewalt : Die Generation Z und die fünfte Welle des Terrorismus

  • -Aktualisiert am

4. März 2020: Trauer in Hanau nach dem Terroranschlag vom 19. Februar, bei dem neun Personen sowie die Mutter des Attentäters ermordet wurden. Bild: dpa

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat sich der Terrorismus in vier einander überlappenden Wellen von je etwa vierzig Jahren Dauer entwickelt. Wenn sich das Großeltern-Enkel-Muster fortsetzt, müsste die fünfte Welle wieder auf Systemkritik basieren – diesmal als Reaktion auf die Globalisierung. Das Erstarken von antiliberalen bis hin zu rechtsextremen Kräften ließe sich damit erklären.

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          Jede Generation wird durch bestimmte Ereignisse und Akteure geprägt: durch heiße oder kalte Kriege oder gerade deren Ende, 9/11, durch die Arabellion, den islamischen Winter oder durch sanftere Zeitenwechsel mit nicht weniger bedeutsamem Wandel, wie sie zum Beispiel durch Amazon, Google oder Youtube eingeleitet wurden.

          Mittlerweile hat es sich eingebürgert, von der Generation derer, die kurz vor oder kurz nach der Jahrtausendwende geboren und mit diesen technischen Errungenschaften groß wurden, als der Generation Z oder auch Generation Youtube oder Digital Natives zu sprechen. Angehörige der Generation Z haben oft keine Erinnerungen an den Anschlag auf Amerika am 11. September 2001, im Gegenteil zu ihren Eltern, meist Angehörige der Generation X, geboren zwischen etwa 1960 und 1980. Für diese war der 11. September eine Zäsur. Während sich die an jenem Tag verübten Anschläge im kommenden Jahr zum zwanzigsten Mal jähren, fällt in dieses Jahr der 50. Jahrestag der Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion (RAF).

          Was hätte wohl Andreas Baader über den 11. September 2001 gesagt? Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod traf Bin Ladins Al Qaida die Vereinigten Staaten und damit mitten ins Herz des Kapitalismus. Hätte Baader also gejubelt? 1971 schrieb Ulrike Meinhof im „Konzept Stadtguerilla“, dass der amerikanische Imperialismus ein Papiertiger sei, der besiegt werden könne durch einen antiimperialistischen Kampf an allen Ecken und Enden der Welt. Genauso äußerte sich Jahrzehnte später Bin Ladin über den Rückzug der Vereinigten Staaten aus Somalia.

          Dr. Carolin Görzig leitet die Forschungsgruppe "Wie ,Terroristen’ lernen" am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale).
          Dr. Carolin Görzig leitet die Forschungsgruppe "Wie ,Terroristen’ lernen" am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale). : Bild: privat

          Aber bedeutet das auch, dass die RAF und Al Qaida womöglich gemeinsame Sache gemacht hätten? Was auf den ersten Blick als ein absurder Vergleich erscheinen mag, verdeutlicht auf den zweiten Blick grundsätzliche Parallelen zwischen Menschen, die sich in den Untergrund manövrieren und sich damit Zwängen und Widersprüchlichkeiten aussetzen. Dass die Mitglieder der RAF das faschistische Erbe ihrer Eltern ablegen wollten und gleichzeitig durch die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) trainiert wurden, also zwei Organisationen, die gegen Israel kämpften, ist nur ein Beispiel für die vielen Widersprüchlichkeiten, in die der Kampf im Untergrund führen kann.

          Für Stephan B., der am 9. Oktober 2019 versuchte, in Halle in eine Synagoge einzudringen und der, als dies scheiterte, eine Passantin und einen Kunden eines Dönerimbisses tötete, sind die Juden schuld am „Großen Austausch“. 2016 veröffentlichte Renaud Camus die „Revolte gegen den großen Austausch“ – die ideologische Unterfütterung für rechtsterroristische Attentate. Die Elitenkritik in Camus’ Buch weist eine weitere scheinbar paradoxe Parallele auf. Camus beschreibt, dass die Weißen durch Einwanderung bedroht werden. Eliten betreiben ihm zufolge gezielt einen Bevölkerungsaustausch im Dienste eines globalen Kapitalismus. Es geht ihm darum, dass der Einzelne austauschbar wird, austauschbar in einem kapitalistischen System. Eliten- und Kapitalismuskritik in einem anderen Gewand? Lernen die Rechten hier von den Linken?

          Gewalt und Gegengewalt

          Von der RAF über den islamistischen Terrorismus bis zum Rechtsterrorismus hat sich der Terrorismus der jüngeren Zeit in Wellen entwickelt. Diese Konjunkturen sind nicht losgelöst vom größeren weltpolitischen Geschehen und von Staatsgewalt. In jeder Welle kann man Eigenheiten entdecken. Man kann aber genauso gut Vergleiche ziehen. Diese Vergleiche legen nahe, dass aller Gewalt und Gegengewalt etwas gemein ist.

          Eine Möglichkeit, diesen Gemeinsamkeiten auf die Schliche zu kommen, ist der Fokus auf Ursachen und Motivationen. Es wurde oft angenommen, dass Armut, Chancenlosigkeit oder vielleicht ein Mangel an Bildung Terrorismus erklären könnte. Diese Faktoren konnten jedoch in mehreren Studien in ihrer Ursächlichkeit entkräftet werden. Forscher beobachteten zum Beispiel in ägyptischen Gefängnissen, dass ein hoher Grad an Bildung sogar mit stärkerer Radikalität im Zusammenhang steht.

          Unter den Rechtsextremen in Deutschland findet man Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Separatistische Bewegungen kommen meist aus reicheren Regionen: Tirol, Québec und auch Katalonien. Man könnte fast meinen, dass gerade die Privilegierten zum Terrorismus neigen. Könnte man im Umkehrschluss sagen, dass Terrorismus ein Privileg ist?

          Die Rolle der Narrative

          In Terrorgruppen spielen Narrative von der Vergangenheit und der Zukunft oft eine entscheidende Rolle. Rechtsterroristen beziehen sich auf alte Tempelritterorden, Islamisten sprechen von den glorreichen Zeiten des Islams, Linke greifen Ideen des Anarchismus auf. Neben der Legitimierung ihrer Existenz durch Einordnung in einen größeren historischen Rahmen sind es aber auch Visionen von der Zukunft, die mobilisieren sollen. Manchmal sind diese Visionen apokalyptisch, manchmal wird eine neue Welt als Ziel propagiert.

          Was hat es zu bedeuten, wenn Terroristen nicht immer in das Opferschema von Armut und Chancenlosigkeit passen und gleichzeitig Zeit und Raum neu schreiben? Warum manövrieren sich Menschen, die manchmal sogar privilegiert erscheinen, freiwillig in den Untergrund? Oder, um einen Schritt zurückzugehen, wie freiwillig ist der Weg in den Untergrund? Menschen, die sich in die Illegalität begeben, wählen nicht nur ein Leben voller Zwänge und Widersprüchlichkeiten, sie waren bereits vorher Zwängen unterlegen. Die Motivationslage ist dabei oft so vielfältig wie die jeweiligen Individuen selbst. Wenn man die Biographien sich radikalisierender Individuen betrachtet, so fällt eine starke Varianz auf.

          Usama Bin Ladin stammte aus einer unternehmerischen Multimillionärsfamilie aus Saudi-Arabien. Was fehlte ihm, da er doch alles zu haben schien? Andreas Baader musste das Gymnasium verlassen und geriet mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Er töpferte und zeichnete, statt eine Berufsausbildung zu beginnen. Was trieb ihn an, und warum musste er auch die von seiner Mutter finanzierte Privatschule verlassen, obwohl er als hochbegabt galt? Stephan B., der Attentäter von Halle, war erwerbslos, habe seiner Mutter zufolge auf alles geschimpft und gab „den Juden“ die Schuld an seiner Situation. Welchen Zwängen sah er sich unterlegen, gegen die er sich auflehnen wollte? Björn Höcke wurde von den Erzählungen seiner Großeltern über Ostpreußen und dem Antisemitismus seines Vaters geprägt. Warum sprach er als Lehrer zu seinen Schülern oft über die Bedeutung von Charisma?

          Über Generationen hinweg

          Millionärssohn, begabter Schulabbrecher, Erwerbsloser, Politiker: die Suche nach dem gemeinsamen Nenner hinkt. Radikalisierungsverläufe sind so individuell wie die Radikalisierten. Es finden sich unter ihnen Privilegierte und weniger Privilegierte, Hochgebildete und weniger Gebildete, Gutsituierte und solche, die ums Überleben kämpfen. Es ist daher notwendig, über die Analyse der Motivation von Individuen hinauszugehen und auch die Entwicklung der Organisationen und Bewegungen zu beleuchten, in deren Rahmen Einzelpersonen agieren. Individuen allein losgelöst vom größeren Rahmen zu untersuchen oder den Fokus nur auf Organisationen zu legen, ohne deren Mitglieder in Betracht zu ziehen, birgt jeweils das Risiko, nur eine Seite der Medaille zu betrachten. Daher ist es zielführender, sich auf einen Zusammenhang zu konzentrieren, der sowohl Individuen als auch Organisationen betrifft: Generationen.

          Das Wirken von Kräften über Generationen hinweg prägt Individuen, Organisationen und Bewegungen gleichermaßen. Dabei haben diese generationsübergreifenden Kräftewirkungen viel mit Zwängen zu tun.

          Solche Zwänge entstehen zum Beispiel dann, wenn vorangegangene Generationen ihre Traumata vererben. In der Systemischen Therapie wird unter anderem die Mehrgenerationenperspektive eingenommen, wonach Probleme, Konflikte oder auch Aufgaben an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Wir können das Erbe der NS-Zeit bis in die Gegenwart spüren. Während Kinder sich oft gegen ihre Eltern auflehnen, nähern sich Enkel mitunter an ihre Großeltern an. Das RAF-Phänomen der 1970er wurzelte in den unverarbeiteten Problemen der Eltern aus der Nazizeit. Während Linke gegen das faschistische Gedankengut rebellieren, nehmen die Rechten dieses gerade wieder auf.

          Die Vorstellung der Entwicklung von Terrorismus in Generationen korrespondiert mit einem Modell von David Rapoport, dem Politologen und Pionier der Terrorismusforschung. Rapoport zufolge entwickelt sich Terrorismus seit den 1880er-Jahren in vier sich überlappenden historischen Wellen, die jeweils rund 40 Jahre andauerten: die anarchistische Welle (1880er bis 1920er-Jahre), die antikoloniale Welle (1920er–1960er), die Welle der Neuen Linken (1960er–1990er) und die gegenwärtige religiöse Welle, die etwa in den 1970er/80er-Jahren begann. Wenn jede Welle des nichtstaatlichen Terrorismus zirka 40 Jahre dauert und die vierte Welle um 1979 begann, wie es Rapoport annimmt, müssten wir an der Schwelle zu einer zukünftigen Entwicklung stehen. Konkret: Ist womöglich eine fünfte Welle des Terrorismus gerade im Entstehen begriffen? Und falls ja, lohnt sich der Blick zurück?

          Das Muster von Aktion und Reaktion

          Was haben der Anarchismus oder der Antikolonialismus mit der Generation Z zu tun? Sehr viel, wenn man von einem Generationenmuster ausgeht, nach dem bestimmte Zwänge weitergegeben werden. Es macht Sinn, die vier Wellen des Terrorismus nach Rapoport auf ein mögliches Generationenmuster zu überprüfen. Dazu ist es des Weiteren sinnvoll, Terrorismus als Antwort auf Handlungen der Staatsmacht zu begreifen, um das größere Ganze zu sehen. Terrorgruppen interagieren mit Staaten und provozieren sie beispielsweise zur Überreaktion, so dass man auch von Ko-Eskalation sprechen kann. So könnten der anarchistischen Welle, der antikolonialen Welle, der Welle der Neuen Linken und der religiösen Welle auf staatlicher Seite Imperialismus, Kolonialismus, Kapitalismus und der Krieg gegen den Terror gegenübergestellt werden. Das Muster von Aktion und Reaktion, staatlicher und nichtstaatlicher Gewalt, kann man in die Zukunft projizieren. Demnach könnte man sich eine fünfte Welle des Terrorismus als eine Reaktion auf Globalisierung vorstellen.

          Das könnte man auch aus den Mustern der vorangegangenen Wellen schließen. Schaut man sich die vier vorangegangenen Wellen an, so fällt auf, dass sich die erste und dritte sowie die zweite und vierte ähneln. Die Anarchisten der ersten Welle und die Neuen Linken der dritten Welle propagierten Systemkritik; bei der antikolonialen zweiten und der religiösen vierten Welle ging es um territoriale Ansprüche. Auch islamistische Gruppen wollen Gebiete von ihren Gegnern befreien, etwa Palästina von den westlichen Besatzern. Entgegen der Auffassung, Gruppen aus der religiösen Welle gehe es nur um Religion, dient diese oft vielmehr nur als Legitimation oder auch Verschleierung weltlicher Ambitionen.

          Dem Muster eines wellenüberspringenden Generationeneffekts zufolge lassen sich die sozialistischen Aktivisten der dritten Welle durchaus als „Enkel“ der anarchistischen Revolutionäre begreifen, während sich arabische Islamisten auch als Befreier von neokolonialer Unterdrückung verstehen. Dass eine Welle der jeweils vorletzten ähnelt, legt nahe, dass man von einem Generationenmuster sprechen kann, bei dem die „Großeltern“ ihr Erbe an die „Enkel“ weitergeben. Während „Kinder“ sich gegen ihre „Eltern“ auflehnen und deren Wellen nicht fortsetzen, nehmen sie doch die Ideen der Großeltern-Generation wieder auf.

          Die fünfte Welle

          Was lässt sich aus diesen Beobachtungen über sich wiederholende Entwicklungen für die fünfte Welle ableiten? Wenn sich das Großeltern-Enkel-Muster fortsetzt, müsste auch die fünfte Welle auf Systemkritik basieren. Wenn die fünfte Welle eine Reaktion auf Globalisierung als aktueller Ausdruck der dominierenden Weltordnung ist, könnte ihre Antwort im Rückzug auf das Lokale liegen. Das Erstarken antiliberaler und rechtsextremer Kräfte ist ein Trend, der sich mit dem Aufstieg von Populisten wie Victor Orbán und Donald Trump bereits abzeichnete und sich in den jüngsten Attentaten von Christchurch, Halle und Hanau bestätigt.

          Zwänge haben auch etwas mit dem Agieren im Verborgenen zu tun. Im Untergrund kann jeder Kontakt, jede Begegnung zur Bedrohung werden. Unter welchen Zwängen agieren Rechtsterroristen von heute? Was sich sagen lässt, ist, dass Rechtsextremismus gleichzeitig sichtbarer und unsichtbarer wird. Sichtbarer werden rechtsextreme Erscheinungen zum Beispiel in den Wahlen. In einem Sammelsurium von AfD und ihrem Umfeld vereinen sich verschiedenste Strömungen. Dadurch, dass sich die meisten Führungsleute der AfD unzureichend vom radikalen Milieu abgrenzen, geben sie rechtsradikalem und -extremem Gedankengut ein größeres Gesicht, als es tatsächlich hat. Auch Trollarmeen, die mittels falscher Profile die sozialen Medien überschwemmen, suggerieren, Rechtsradikale bildeten eine riesige Bewegung.

          Gleichzeitig gibt es aber auch Entwicklungen im Verborgenen, die sich ihrer Natur nach nur schwer einschätzen lassen. Polizei und Armee werden unterwandert, Tendenzen zum Schwarmterrorismus bringen unberechenbare „Einzeltäter“ mit sich. Die Reaktionsmöglichkeiten darauf sind begrenzt. Auf das sichtbare Agieren in der Politik kann man reagieren, indem man Argumentationsketten entkräftet oder Prävention betreibt. Repressionen hingegen sind immer nur reaktiv und können sogar zusätzlich zur Entwicklung der Strukturen des Rechtsterrorismus beitragen. Das Einzeltäterphänomen ist auch eine Anpassung von Terrormustern an staatliche Repressionen. Taten eines Einzelnen sind viel weniger aufspürbar.

          Jung und dumm

          Welche Antwort findet die Generation Z auf die Zwänge, die ihr vorherige Generationen auferlegen? Sollte die rechte Gefahr nicht herbeigeredet werden? Sollte eine Gegenantwort formuliert werden?

          Eine Möglichkeit ist es, Krisen als Chancen zu begreifen. Generationen vererben nicht nur ihre Traumata und Probleme, sie können auch zur Quelle für Problemlösung werden. Man fand heraus, dass insbesondere die Durchmischung der Generationen innerhalb der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) dazu beitrug, dass die Organisation den politischen Weg einschlug. Junge Menschen, die voller Tatendrang und stürmisch sind, können mit den Jahren ihre Ansichten ändern. Die Anführer der IRA wollten mit ihrer Friedensinitiative auch die Jungen davor schützen, die gleichen Fehler wie sie selbst zu machen.

          Die Anführer einer anderen – geographisch und ideologisch weit entfernten – Organisation, der ägyptischen Gamaa Islamija, die 1997 für das Massaker in Luxor verantwortlich war, kehrten ebenfalls der Gewalt den Rücken zu. Sie sagten über ihre kämpferische Vergangenheit: Wir waren jung und dumm. In zwanzig Büchern legten die Anführer der Gamaa Islamija ihre Reflexionen über ihren Sinneswandel nieder, zum Beispiel darüber, was es bedeutet, sich Fehler einzugestehen. Dieses Eingeständnis fiel ihnen alles andere als leicht. Tausende von Menschen anzuführen und deren Leben zu riskieren, um schließlich zu begreifen, dass das Ganze ein Fehler war, ist das eine. Diesen Irrtum den Anhängern gegenüber zu kommunizieren, das andere.

          Was können wir von den Einsichten der Gamaa Islamija lernen? Vielleicht, dass Generationen ihre Fehler reflektieren und kommunizieren könnten? In einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle haben wir Lernprozesse islamistischer, ethnoseparatistischer und linker Terrorgruppen vergleichend untersucht. Besonders lernfähig sind jene Gruppen, die die Werte und Normen, die ihren Zielen zugrunde liegen, offen in Frage stellen und damit einen Erkenntnisprozess innerhalb der Gruppe einleiten. Besonders Anführer müssen sich überwinden und auch Tabus thematisieren. Aufschlussreich ist unsere Forschung zum Beispiel dann, wenn wir beobachten, wie Gruppen auf unterschiedlichen Kontinenten und mit unterschiedlichen Weltanschauungen miteinander kommunizieren und voneinander lernen. Wenn also zum Beispiel die nordirische IRA vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) lernt, wie weit man bei Verhandlungen gehen kann, oder sie sich in den antikolonialen Kampf in Indien, Vietnam oder Palästina einreiht. Oder wenn die Gamaa Islamija eine innerislamistische Debatte auslöst und ihre eigenen Erkenntnisse auf Al Qaida projiziert mit der Schlussfolgerung, dass es den islamistischen Terroristen an Einsichten in die Realität mangelt, weil sie das Leben wie ein Chemielabor betrachten.

          Generationen von Terrorgruppen werden durch globale Ereignisse geprägt, die sie verbinden. Manchmal lernen sie dabei auch etwas dadurch, dass sie sich voneinander abgrenzen. In einem Interview distanzierte sich ein Mitglied der IRA von der RAF mit dem Argument, die IRA sei keine Gruppe von sechs gegen sechs Millionen. Die IRA habe wirklich Gewicht. Dabei hat Unsichtbarkeit taktisch auch Vorteile. Die Suche nach dem kriminellen Trio von RAF-Mitgliedern der dritten Generation ist umso schwerer, je kleiner das Unterstützernetzwerk ist, das das Trio auffliegen lassen könnte.

          Die Zwänge der Generation Z

          Je sichtbarer Terrorgruppen werden, umso stärker müssen sie Verantwortung übernehmen und das Tabu brechen, das manchmal in solchen Gruppen herrscht – nämlich den Kampf aufzugeben. Was für die einen ein Tabubruch ist, bedeutet mitunter für die anderen den Schutz vor Tabubruch. Für manche Tabus gibt es gute Gründe, wie das Verbot von Nazisymbolen in Deutschland oder das Zeichnen von Mohammed-Karikaturen. Das Nichtdiskutierbare diskutierbar zu machen kann aber auch dabei helfen, dass nachfolgende Generationen nicht in ausweglose Situationen und unter Zwänge geraten.

          Unter welchen Zwängen steht die Generation Z? Welche Möglichkeiten stehen ihr offen? Die Generation Z wird oft als Generation Youtube oder Generation Digital Natives bezeichnet. Bietet vielleicht gerade das Internet das nötige Werkzeug, um das Unsagbare sagbar zu machen? Oder wird im Netz vorwiegend Hass und Hetze transportiert? Für beide Annahmen gibt es Argumente. Auf der einen Seite können Filterblasen und Likes die eigenen Zweifel blockieren. Auch Hass wird durch bestimmte Dynamiken im Netz besonders hofiert, zum Beispiel, wenn am coolsten ist, wer das Krasseste postet.

          Auf der anderen Seite entstehen aber auch neue Kommunikations- und Informationswege, die Transparenz mit sich bringen können. Digitale Bibliotheken zum Beispiel können dazu beitragen, einen neuen Blick auf geschichtliche Zusammenhänge zu werfen. Das Erschaffen neuer gemeinsamer Identitäten kann zur Verringerung von Spannungen beitragen. In Konflikten wie zwischen Israel und Palästina können Historiker auch zu Agenten von Konflikttransformation werden. Geschichtsschreibung hat sehr viel mit Anerkennung zu tun. Der Digitalisierung des Wissens sollte dabei eine Rolle zukommen.

          Auch die Aussagen von Mitgliedern von Terrorgruppen können zur Quelle von Erkenntnisprozessen und Konflikttransformation werden. In einem ihrer Bücher schreiben die Anführer der Gamaa Islamija, dass der Mensch leider nicht zwei Leben hat – eines, um Erfahrungen zu sammeln, und ein zweites Leben, um aus diesen Erfahrungen zu lernen. Beides müsse innerhalb eines Lebens geschehen.

          Jede Generation sammelt ihre Erfahrung, kann aber auch von den Erfahrungen vergangener oder künftiger Generationen lernen. Was wird uns wohl die Generation Z über den Terrorismus lehren? Terrorgruppen erschaffen Visionen von der Vergangenheit und der Zukunft, vielleicht auch, weil ihre Gegenwart darin besteht, im Verborgenen und unter Druck zu leben.

          Lernen im Hier und Jetzt

          Aber auch Terrorgruppen lernen im Hier und Jetzt. Unerwartete Ereignisse können den Lauf der Geschichte ganz plötzlich auf den Kopf stellen und ganze Generationen prägen. Die Corona-Epidemie, die uns zu Beginn des Jahres überrollt hat, kann unter bestimmten Bedingungen Terrorismus in die Hände spielen. Wo Staaten versagen, springen oft Terrorgruppen in die Lücke und bieten soziale Dienste an, um so mögliche Mitglieder zu mobilisieren. Während Terrorgruppen neue Nischen besetzen könnten, ist die Antwort von Staaten ebenfalls entscheidend. Die Kriegsrhetorik einiger Regierungsoberhäupter im Angesicht des Coronavirus suggeriert, dass wir uns im Kampf mit der Natur befinden. Dass es auch anders geht, beweist der Aufruf des UN-Generalsekretärs Guterres zu einem globalen Waffenstillstand. Dass es anders geht, beweisen auch die Bemühungen der jüngsten Generation um den Schutz des Klimas.

          Welche Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte wird die Generation Z erschaffen? Welchen Fußabdruck werden die Digital Natives in der Geschichte hinterlassen, welche Tabus werden sie brechen? Die Generation Z ist nicht nur durch das Internet oder jetzt die Corona-Epidemie geprägt. Sie ist auch das Ergebnis der Einflüsse ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Jeder von uns ist ein Kind seiner Zeit. Jeder von uns folgt bestimmten Spuren und hinterlässt bestimmte Spuren. Die Gamaa Islamija schrieb über die Abkehr von Gewalt, dass es sei wie in der Luftfahrt: Ohne Kommunikation stürze man ab. Al Qaida wiederum wurde von ihr beschrieben als ein Auto ohne Fahrer. Was die Gamaa Islamija beschreibt, suggeriert, wie man aus der Spur geraten kann, und dass Kommunikation helfen kann, auf der Spur zu bleiben.

          ***

          Die Verfasserin leitet die Forschungsgruppe „Wie ,Terroristen‘ lernen“ am Max-Planck- Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale).

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