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Konjunkturen der Gewalt : Die Generation Z und die fünfte Welle des Terrorismus

  • -Aktualisiert am

4. März 2020: Trauer in Hanau nach dem Terroranschlag vom 19. Februar, bei dem neun Personen sowie die Mutter des Attentäters ermordet wurden. Bild: dpa

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat sich der Terrorismus in vier einander überlappenden Wellen von je etwa vierzig Jahren Dauer entwickelt. Wenn sich das Großeltern-Enkel-Muster fortsetzt, müsste die fünfte Welle wieder auf Systemkritik basieren – diesmal als Reaktion auf die Globalisierung. Das Erstarken von antiliberalen bis hin zu rechtsextremen Kräften ließe sich damit erklären.

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          Jede Generation wird durch bestimmte Ereignisse und Akteure geprägt: durch heiße oder kalte Kriege oder gerade deren Ende, 9/11, durch die Arabellion, den islamischen Winter oder durch sanftere Zeitenwechsel mit nicht weniger bedeutsamem Wandel, wie sie zum Beispiel durch Amazon, Google oder Youtube eingeleitet wurden.

          Mittlerweile hat es sich eingebürgert, von der Generation derer, die kurz vor oder kurz nach der Jahrtausendwende geboren und mit diesen technischen Errungenschaften groß wurden, als der Generation Z oder auch Generation Youtube oder Digital Natives zu sprechen. Angehörige der Generation Z haben oft keine Erinnerungen an den Anschlag auf Amerika am 11. September 2001, im Gegenteil zu ihren Eltern, meist Angehörige der Generation X, geboren zwischen etwa 1960 und 1980. Für diese war der 11. September eine Zäsur. Während sich die an jenem Tag verübten Anschläge im kommenden Jahr zum zwanzigsten Mal jähren, fällt in dieses Jahr der 50. Jahrestag der Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion (RAF).

          Was hätte wohl Andreas Baader über den 11. September 2001 gesagt? Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod traf Bin Ladins Al Qaida die Vereinigten Staaten und damit mitten ins Herz des Kapitalismus. Hätte Baader also gejubelt? 1971 schrieb Ulrike Meinhof im „Konzept Stadtguerilla“, dass der amerikanische Imperialismus ein Papiertiger sei, der besiegt werden könne durch einen antiimperialistischen Kampf an allen Ecken und Enden der Welt. Genauso äußerte sich Jahrzehnte später Bin Ladin über den Rückzug der Vereinigten Staaten aus Somalia.

          Dr. Carolin Görzig leitet die Forschungsgruppe "Wie ,Terroristen’ lernen" am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale).
          Dr. Carolin Görzig leitet die Forschungsgruppe "Wie ,Terroristen’ lernen" am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale). : Bild: privat

          Aber bedeutet das auch, dass die RAF und Al Qaida womöglich gemeinsame Sache gemacht hätten? Was auf den ersten Blick als ein absurder Vergleich erscheinen mag, verdeutlicht auf den zweiten Blick grundsätzliche Parallelen zwischen Menschen, die sich in den Untergrund manövrieren und sich damit Zwängen und Widersprüchlichkeiten aussetzen. Dass die Mitglieder der RAF das faschistische Erbe ihrer Eltern ablegen wollten und gleichzeitig durch die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) trainiert wurden, also zwei Organisationen, die gegen Israel kämpften, ist nur ein Beispiel für die vielen Widersprüchlichkeiten, in die der Kampf im Untergrund führen kann.

          Für Stephan B., der am 9. Oktober 2019 versuchte, in Halle in eine Synagoge einzudringen und der, als dies scheiterte, eine Passantin und einen Kunden eines Dönerimbisses tötete, sind die Juden schuld am „Großen Austausch“. 2016 veröffentlichte Renaud Camus die „Revolte gegen den großen Austausch“ – die ideologische Unterfütterung für rechtsterroristische Attentate. Die Elitenkritik in Camus’ Buch weist eine weitere scheinbar paradoxe Parallele auf. Camus beschreibt, dass die Weißen durch Einwanderung bedroht werden. Eliten betreiben ihm zufolge gezielt einen Bevölkerungsaustausch im Dienste eines globalen Kapitalismus. Es geht ihm darum, dass der Einzelne austauschbar wird, austauschbar in einem kapitalistischen System. Eliten- und Kapitalismuskritik in einem anderen Gewand? Lernen die Rechten hier von den Linken?

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