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Deutschland : Wie es wirklich war

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Bild: dpa

Die DDR ist schon jetzt der am gründlichsten erforschte Teil der deutschen Vergangenheit. Warum heißt es dann im Koalitionsvertrag, die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte unseres Landes sei eine „dauerhafte Aufgabe“?

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          In der Koalitionsvereinbarung von Union und SPD findet sich ein bemerkenswerter Satz: „Das historische Gedächtnis und insbesondere die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte unseres Landes bleiben dauerhafte Aufgaben.“ Uns mag es inzwischen selbstverständlich sein, dass die Aufarbeitung bedrückender Zeiten zum Programm einer Regierung gehört. Dennoch ist es neu.

          Der Historiker Christian Meier hat dargelegt, dass seit der Antike in Friedensschlüssen regelmäßig gefordert wurde, alles Schreckliche der Kriegszeit zu vergessen. Manchmal wird sogar die Erwähnung solcher Untaten unter Strafe gestellt, um des Friedens willen. Meier hat die alte Strategie „Frieden vor Gerechtigkeit durch Amnestie“ grundsätzlich verteidigt. Aber er erkennt in der nationalsozialistischen Judenvernichtung ein derart monströses Verbrechen, dass er den Gedanken an Amnestie und Vergessen an dieser Stelle für vollkommen verfehlt ansieht. Und er fragt, warum nicht nach dem Ende der DDR das Vergessen als Strategie gewählt worden ist. Er nennt drei Gründe: Die Herbstrevolution war unblutig, deshalb musste keine Rache für Revolutionstote befürchtet werden. Die Herrschenden waren so vollständig entmachtet, dass auf sie keine Rücksicht mehr genommen werden musste. Drittens habe das westdeutsche Vorbild der Erinnerungsarbeit hinsichtlich der Nazizeit als Vorbild gewirkt.

          Das erste Argument lässt sich unterstützen durch einen Vergleich mit dem Vorgehen in Italien und Frankreich nach dem Ende der deutschen Besatzung gegen die Kollaborateure. Nach einer kurzen Phase exzessiver gewalttätiger Abrechnungen - man kann auch Lynchjustiz sagen -, denen mindestens jeweils zehntausend Personen zum Opfer fielen, kam eine Amnestie, die nun für die Untaten beider Seiten galt. Der französische Historiker Joseph Rovan hat noch im Jahr 1992 dieses Vorgehen verteidigt und den Rat gegeben, „nach dem Ende einer Diktatur sollten Säuberungen kurz und blutig sein“.

          Manche haben deshalb die Herbstrevolution des Jahres 1989 als halbe Sache oder keine echte Revolution kritisiert - zu Unrecht. Auf gewalttätige Proteste waren die Sicherheitskräfte bestens vorbereitet. Sie hätten zudem die Sowjetunion zum Eingreifen veranlassen können. Und jene Amnestien haben nicht nur Gutes bewirkt. In Italien ist die Auseinandersetzung mit dem Faschismus nur lasch geführt worden, in Frankreich waren alle plötzlich Widerstandskämpfer gewesen, als hätte es Vichy nie gegeben.

          Die alte Verbindung von Friedensschluss und Amnestie hat wohl darin ihren Grund, dass in Krieg und Bürgerkrieg Unrecht auf beiden Seiten geschieht. Das Unrecht in den Diktaturen ist aber ganz einseitig. Weder den „Rassenfeinden“ noch den „Klassenfeinden“ konnte vorgeworfen werden, irgendwie auch Täter oder mitschuldig zu sein an ihrer Verfolgung oder Benachteiligung. Niemand ist für seine biologische oder soziale Herkunft verantwortlich. Sie waren insofern reine Opfer. Andere wurden Opfer staatlicher Willkür.

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