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Deutschland : Wer zu spät kommt, den bestraft die Linkspartei

Bild: Ullstein

Nach dem Mauerfall suchten nicht wenige SED-Mitglieder eine neue politische Heimat. Die gerade neu gegründete Ost-SPD verweigerte sich ihnen aus guten Gründen - aber auch mit bitteren Konsequenzen, die bis heute zu spüren sind.

          8 Min.

          Die Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz war Mitte Januar 1990 gut gefüllt. Es war die erste Delegiertenkonferenz der SDP, der Sozialdemokratischen Partei in der DDR. Die Pastoren Markus Meckel und Martin Gutzeit hatten die Partei im Oktober 1989 in einem Pfarrhaus in Schwante bei Berlin gegründet. Jetzt, drei Monate später - Honecker war gestürzt, die Mauer war gefallen -, wusste niemand so recht, wie es mit der DDR weitergehen sollte: Aufbruch oder Untergang? Am Rande der Konferenz sprach Meckel zwei Männer an, die sich als Söhne Manfred von Ardennes vorstellten, des berühmten Wissenschaftlers, der in Dresden ein privates Forschungsinstitut betrieb. Die beiden Männer luden Meckel zu einem Gespräch mit dem Dresdner SED-Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer ein. Den Kontakt hatte Egon Bahr vermittelt. Bahr gehörte wie die westdeutschen Sozialdemokraten Hans-Jochen Vogel und Johannes Rau zu den Gästen der Delegiertenkonferenz.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Meckel willigte ein, verbat sich jedoch entschieden Bahrs Begleitung. „Wir wollten uns trotz der programmatischen Nähe zur West-SPD nicht vereinnahmen lassen“, sagt Meckel heute. Zwar hatte sich die Partei an jenem Wochenende in Berlin von SDP in SPD umbenannt, legte aber weiterhin auf ihre Eigenständigkeit wert. Und so fuhren Meckel und Gutzeit wenige Tage später allein nach Dresden.

          In Ardennes Gartenhaus auf dem Weißen Hirsch hoch über der Stadt Dresden wartete bereits Berghofer, und er kam schnell zur Sache. Er bot an, zusammen mit 39 reformwilligen Kräften aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus der in SED-PDS umbenannten SED in die SPD zu wechseln. Der Aufbau der jungen Partei sollte so gestärkt werden. Das Angebot war verführerisch: Berghofer zählte zu den populären Politikern der DDR; als einer der ersten Amtsträger hatte er im Oktober 1989 in Dresden Demonstranten zu Gesprächen ins Rathaus geladen, statt sie niederknüppeln zu lassen. Er galt als Reformer, die Leute nannten ihn „Bergatschow“.

          Berghofer, heute 71 Jahre alt, erinnert sich noch gut an die Begegnung vor bald 25 Jahren. „Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Ardenne, der das Treffen organisierte“, erzählt er. „Auch sympathisierte ich mit der Sozialdemokratie.“ Als FDJ-Funktionär hatte er bei den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin schon Anfang der siebziger Jahre mit Jusos erste Kontakte geknüpft. Nachdem er 1986 Oberbürgermeister von Dresden wurde, ging eine seiner ersten Reisen nach Essen, wo er in der Villa Hügel mit seinem SPD-Amtskollegen Peter Reuschenbach die Ausstellung „Barockes Dresden“ eröffnete. Und im Jahr darauf besiegelten Berghofer und Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) eine Partnerschaft zwischen den beiden Großstädten an der Elbe.

          Dohnanyis Nachfolger Henning Voscherau hätte Berghofer und andere reformwillige Kräfte gern in der SPD gesehen. Voscherau hatte sich im Dezember 1989 am Rande des SED-Sonderparteitages in Berlin über Möglichkeiten informiert, die SED aufzulösen und als SPD und KPD zu reorganisieren. „Ich fand das plausibel“, sagt Berghofer. Doch habe er so gut wie niemanden in der Partei gefunden, der das mitgemacht hätte. „Die überwundene Spaltung der Arbeiterklasse wieder aufzuheben war für die SED ein Sakrileg.“

          Bereits im November hatte Berghofer mit Willy Brandt und mit Egon Bahr in Dresden über einen Parteiwechsel gesprochen. Brandt sei das „irgendwie egal“ gewesen, erinnert sich Berghofer. „Er sagte klipp und klar: Das sollen die Enkel machen.“ Bahr habe Berghofers Übertritt in die SPD befürwortet, aber auch vor den Folgen gewarnt: „Denken Sie an Herbert Wehner! Sie werden immer wegen Ihrer Vergangenheit im Feuer stehen.“

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