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Deutschland : Berliner Mauer, anno 1952

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Am folgenden Tag verkündete Ulbricht zur Begeisterung der Funktionäre den „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“. Man stehe an einem „Wendepunkt der Entwicklung Deutschlands“: Die von der SED geführte Arbeiterklasse müsse „die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf demokratischer Grundlage in die eigenen Hände nehmen“. Die sozialistische Umgestaltung der Wirtschaft und die zentralistische Organisation des Staates, bei der die Länder durch Bezirke ersetzt würden, sollten die Überlegenheit der DDR über das kapitalistische Westdeutschland gewährleisten.

Eine Justizreform wurde eingeleitet, um den Prozess der sozialistischen Umgestaltung zu flankieren. Ulbricht: „Die Richter und Generalstaatsanwälte müssen sich bewusst sein, dass sie nicht eine neutrale Position einnehmen können, sondern die Feinde unseres demokratischen Staates und andere Rechtsbrecher entsprechend der Bestimmungen der demokratischen Gesetzlichkeit zu bestrafen haben.“ Für die privatwirtschaftlichen Relikte in der Industrie hatte die letzte Stunde geschlagen, ebenso für das private Handwerk und den Einzelhandel. In der Landwirtschaft begann die Kollektivierung. Zugleich wurde das System des zentral geplanten Wirtschaftsprozesses auf alle Felder der Wirtschaft ausgedehnt. Von der Planwirtschaft versprach sich Ulbricht entscheidende Vorteile gegenüber dem Kapitalismus, der zum Niedergang verurteilt sei. „Infolge der doppelten Versklavung in Westdeutschland durch das amerikanische und deutsche Monopolkapital wird der Lebensstandard der Bevölkerung sinken, während in der Deutschen Demokratischen Republik und im demokratischen Sektor von Berlin durch den Übergang zum Sozialismus die materiellen und kulturellen Lebensbedingungen des werktätigen Volkes planmäßig verbessert werden.“

Von „nationalen Streitkräften“ war auf der II. Parteikonferenz nur als Forderung die Rede. Stalin wollte die Proklamation dieses Ziel so lange verheimlichen, wie die Pariser Verträge noch nicht in Kraft getreten waren. Die Vorbereitungen waren jedoch längst im Gang. Aufgebaut wurde eine „Kasernierte Volkspolizei“, deren Personal man an Waffen bis hin zu Panzern und schwerer Artillerie ausbildete, Marineverbände aufstellte, Piloten auf Kampfflugzeugen schulte und militärische Ränge einführte. Auf Stalins Weisung hin beteiligte sich die DDR an der Rüstungsproduktion des Sowjetblocks und baute als Grundlage die Schwerindustrie aus.

Die Erwartung Ulbrichts, der auf der II. Parteikonferenz festgelegte Kurs werde die DDR stärken, erwies sich als Illusion. Die wirtschaftliche und soziale Lage spitzte sich stattdessen zu. Wie der Ost-Berliner SED-Zentrale im Herbst aus den Bezirken berichtet wurde, war seit Einleitung der Maßnahmen „die illegale Abwanderung im Ansteigen begriffen“. Der Anspruch der SED, einen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ geschaffen zu haben, wurde unglaubwürdig, weil nicht zuletzt Bauern aller Betriebsgrößen sowie qualifizierte Arbeiter das Weite suchten. Zudem verelendete der „kapitalistische Ausbeuterstaat“ Westdeutschland nicht, sondern prosperierte. Die SED-Führung sah sich am Jahreswechsel 1952/53 erstmals zu einer - vergeblichen - Bitte um sowjetische Hilfe genötigt.

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