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Deutschland : Berliner Mauer, anno 1952

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Am 26. Mai war es soweit. Als „Reaktion“ auf den Abschluss der Pariser Verträge über die Souveränität der Bundesrepublik und deren Wiederbewaffnung im Rahmen der Nato wurde entlang der Grenze zur Bundesrepublik ein breiter Geländestreifen abgeholzt, um diese von eilig gebauten Beobachtungstürmen aus einsehen zu können. Eine „Aktion Ungeziefer“ vertrieb aus dem Grenzgebiet zwischen Ostsee und Frankenwald jenen Teil der Bevölkerung, der in den Augen der SED als unzuverlässig galt. Etwa 11 000 Personen mussten ihre Heimat verlassen. Wer bleiben durfte, war isoliert. Ohne Sondergenehmigung, die selten erteilt wurde, durfte man das Gebiet weder verlassen noch Besucher von außerhalb empfangen.

Was aber geschah in und um Berlin? An den Außengrenzen West-Berlins, an denen keine Kontrollzone möglich erschien, wurden Stacheldrahtsperren errichtet. Die Sektorengrenze innerhalb der geteilten Stadt blieb derweil offen. Anscheinend wollte Stalin nicht den Vier-Mächte-Status gefährden und damit die drei Westmächte provozieren. Um die Abwanderung zu erschweren, wurden die Verkehrskontrollen zwischen der DDR und Ost-Berlin verstärkt. Doch alle Schikanen verhinderten nicht, dass Berlin zum Schlupfloch für die Flüchtlinge wurde.

Stalin hatte Anfang April 1952 in beiden Gesprächen mit der SED-Führung zu erkennen gegeben, dass er nach Ablehnung seines Vorschlags, über einen Friedensvertrag zu verhandeln, nicht länger auf eine Verständigung mit den Westmächten setze. Die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands lasse sich in absehbarer Zeit nicht erreichen. Die Fiktion der bürgerlich ausgerichteten, „antifaschistisch-demokratischen“ Ordnung der DDR war somit überholt.

Allerdings solle die SED vom Sozialismus zunächst noch kein „Geschrei“ machen. Stalin drang auf die Kollektivierung der Landwirtschaft, doch solle nicht von Kolchosen, sondern von Produktionsgenossenschaften die Rede sein. Pieck berichtete von verstärkten „Aktivitäten des Feindes (Großbauern, Kirche)“ und warb dafür, sie durch „Verstärkung der demokratischen Gesetzlichkeit“ sowie „Festigung der Wachsamkeit und der Verteidigung der demokratischen Ordnung“ zu bekämpfen. Stalin war einverstanden.

Nach diesen Gesprächen setzte die SED Kampagnen für „nationale Streitkräfte“ in Gang, forcierte die Anwerbung militärischen Personals und machte mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ernst. Die Unterfangen erwiesen sich als schwierig, denn offiziell war nur von der Bildung polizeilicher Organe und einer nur allgemein-demokratischen Entwicklung die Rede. Rekruten protestierten, wenn sie sich wider Erwarten in einer militärischen Truppe vorfanden. Den Mitgliedern der Produktionsgenossenschaften war nicht klarzumachen, wieso sie auf bäuerliche Selbständigkeit verzichten sollten.

In dieser Lage wandte sich Ulbricht, der Generalsekretär des ZK der SED, an den Kreml und bat darum, die militärischen und sozialistischen Ziele offenlegen zu dürfen. Er brauche eine klare sozialistische Perspektive für die DDR, um die Bevölkerung zu überzeugen. Stalin zögerte, weil er den Beginn der „Remilitarisierung in Westdeutschland“ abwarten wollte. Erst auf Ulbrichts nochmaliges Drängen hin stimmte er am Abend des 8. Juli zu, wenige Stunden vor Beginn der II. SED-Parteikonferenz.

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