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Vor Corona : Deutschland einig Vaterland

  • -Aktualisiert am

Trabis bei einer Feierlichkeit zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in Mödlareuth, Bayern Bild: dpa

Der Stand der deutschen Einheit ist besser als ihr Ruf. Warum sind trotzdem viele unzufrieden? Ein Essay über die Bereitschaft, Unterschiede unverzerrt wahrzunehmen, aus dem vergangenen Januar.

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          Im Jahr 2019 sollte eigentlich des dreißigjährigen Jubiläums der Herbstrevolution in der DDR und der unverhofften Öffnung der Mauer gedacht werden. Doch stattdessen wurde der Stand der deutschen Einheit – nicht etwa gründlich diskutiert, sondern scharf kritisiert und bejammert. Sie sei ein einziges Desaster, befand ein Kolumnist des „Spiegel“. Die Ostdeutschen seien gedemütigt, ihre Lebensleistungen vernichtet und ihre Biographien entwertet worden. Die AfD und die Linke haben einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Treuhandanstalt gefordert, denn sie vor allem habe die Ostdeutschen traumatisiert. Es muss demnach um die deutsche Einheit schlimm stehen, weil so viel falsch gemacht worden sein soll. Jener Kolumnist weiß gar, dass es „womöglich hundert andere Varianten“ gegeben habe, es besser zu machen.

          Betrachten wir die deutsche Einheit im europäischen Vergleich. Als die Tschechoslowakische Republik die Freiheit erlangt hatte, haben sich Tschechen und Slowaken schiedlich-friedlich getrennt. Nach blutigen Kämpfen im Baltikum haben sich auch die Länder der Sowjetunion friedlich getrennt. In Jugoslawien führte die Trennung zu einem brutalen Bürgerkrieg. Die Deutschen haben sich vereinigt, und niemand stellt diese Einheit in Frage. Separatistische Tendenzen gibt es in Spanien, Italien, Frankreich, Belgien und Großbritannien, aber nicht in Deutschland. Es gibt keine Partei, die die Wiederherstellung der Zweistaatlichkeit fordert, es gibt nicht einmal eine reine Ost- oder reine West-Partei – von der CSU abgesehen. Mir ist bisher kein einziger separatistischer Zeitungsartikel begegnet.

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