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Sterbehilfe : Aus Respekt vor der Selbstbestimmung

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Bild: dpa

Warum ein schwerkranker Patient am Lebensende die Möglichkeit haben soll, sich mit Unterstützung eines Arztes das Leben zu nehmen.

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          Im Deutschen Bundestag und in der Öffentlichkeit wird gegenwärtig darüber diskutiert, ob Ärzte schwerkranke Patienten dabei unterstützen dürfen, sich das Leben zu nehmen. Ob diese Art der „Sterbehilfe“ auch in Deutschland erlaubt sein soll, hängt von Antworten auf viele Fragen ab. Dürfen Ärzte sich daran beteiligen, wo es doch ihr Auftrag ist, Leben zu retten und Suiziden vorzubeugen? Ist „Selbstmord“ nicht generell ethisch verwerflich und „aktive Sterbehilfe“ verboten? Mahnt die Beteiligung von Ärzten an den sogenannten „Euthanasieaktionen“ während des Nationalsozialismus in Deutschland nicht zu höchster Vorsicht? Führt die Diskussion über eine weitere Liberalisierung der „Sterbehilfe“ in einer alternden Gesellschaft, die durch Entsolidarisierung und wachsende sozioökonomische Unterschiede geprägt ist, politisch nicht in eine völlig falsche Richtung?

          Die öffentliche und politische Debatte über Fragen wie diese wird durch eine unklare Verwendung von Begriffen erschwert. Häufig reden die streitenden Parteien aneinander vorbei oder nutzen den vagen Begriff „Sterbehilfe“ rhetorisch, um ihren Grundpositionen Nachdruck zu verleihen. Daher schlage ich vor, auf den unklaren Begriff „Sterbehilfe“ zu verzichten und präzise zu benennen, worum es geht: Ein Arzt hilft seinem schwerkranken Patienten, von eigener Hand den Tod herbeizuführen, wenn dessen schweres Leiden auch durch palliativmedizinische Maßnahmen nicht ausreichend zu lindern ist und der Kranke dieses selbstbestimmt wünscht. In der Praxis wird dazu meist eine hohe Dosis eines Barbiturats in Flüssigkeit aufgelöst und vom Patienten getrunken.

          Nach deutschem Strafrecht ist weder die Selbsttötung noch die Beihilfe zur Selbsttötung strafbar. Entscheidend ist, dass die „Tatherrschaft“ beim Patienten liegt. Dieser muss nicht nur die Selbsttötung selbstbestimmt wünschen, sondern jeden Schritt der Handlung eigenständig ausführen können und damit auch in der Lage sein, diese jederzeit abbrechen zu können. Mit dieser Unterscheidung wird eine klare Grenze zu jeder Form von Tötung durch einen Dritten gezogen, etwa dem Verlangen eines Patienten, dass der Arzt ihn töte, wie es zum Beispiel in den Niederlanden, in Belgien und auch in Luxemburg gesetzlich erlaubt ist. Das generelle Verbot der Fremdtötung wird also durch die Überlegung hinsichtlich der ärztlichen Suizidbeihilfe nicht berührt. Auch der Hinweis auf eine mögliche Pflichtenkollision, etwa auf unterlassene Hilfeleistung durch den Arzt, oder auf seine Garantenstellung gegenüber dem Patienten überzeugt nicht, wenn der Patient selbstbestimmt und eigenständig handelt.

          Typischerweise leiden Patienten mit Suizidabsicht an Krebs im Endstadium, eine kleinere Gruppe an schweren neurologischen oder chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen. Somit handelt es sich um eine kleine und völlig andere Gruppe als die viel größere Zahl von Personen, die aufgrund von seelischen Krisen oder psychischen Erkrankungen Suizidabsichten hegen. Bei ihnen ist ärztliche Behandlung und Suizidprävention geboten, nicht ärztliche Hilfe für Selbsttötung.

          Leider gibt es in Deutschland keine Daten über das Ausmaß und die Durchführung von ärztlicher Hilfe bei der Selbsttötung. Wenn, dann findet sie meist im Verborgenen statt. Nach Angaben der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas reisten in den vergangenen Jahren mehrere hundert Deutsche in die Schweiz, um sich mit ihrer Unterstützung das Leben zu nehmen. Mit 44 Prozent stellen Deutsche den mit Abstand größten Anteil an ausländischen Suizidenten.

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