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Pandemien damals und heute : Was wir von der Cholera lernen können

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Ein entwürdigender und ekelerregender Tod: Das Bild einer 23 Jahre alten Wienerin kurz vor ihrer Ansteckung mit der Cholera und kurz vor ihrem Tod nur wenige Stunden später. Bild: Wellcome Images

1831 stürzte eine aus Asien kommende Seuche Preußen in die Krise. Abgeriegelte Grenzen, Ausgangssperren, wilde Verschwörungstheorien: Ein Blick in die Vergangenheit offenbart frappierende Ähnlichkeiten.

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          Als der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 14. November 1831 überraschend starb, lautete die Todesursache „intensivste Cholera“. Das hatten zumindest drei Medizinalräte der Witwe versichert, auch wenn in der „Preußischen Staatszeitung“ ein „Schlagfluss“ verantwortlich gemacht wurde. Auch einige Ausnahmen, die für die Bestattung genehmigt wurden, nähren noch heute Zweifel, ob Hegel wirklich der Cholera erlag. Aber der Leichenwagen wurde – wie zuvor die Wohnung Hegels – gründlich desinfiziert, und die Leichenträger mussten für fünf Tage in Quarantäne.

          Die Cholera war im Frühjahr 1831 zum ersten Mal in Preußen aufgetreten. Von dort breitete sie sich in andere deutsche Regionen aus, ehe sie Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und von Europa aus Afrika und Amerika erreichte: Die Cholera war die erste Pandemie der späten Neuzeit. Die Seuche kehrte im 19. Jahrhundert immer wieder: In insgesamt sechs großen Wellen hat die Cholera die Welt mehrfach umkreist und dabei dreizehnmal preußische Territorien heimgesucht, besonders heftig nochmals 1848/49, 1866 und 1873. Aber auch zahllose andere Regionen der Welt hatten immer wieder mit Ausbrüchen zu kämpfen, weshalb die Cholera zu Recht als Leitkrankheit des 19. Jahrhunderts gilt.

          Es lohnt sich, den Blick zurück in dieses Jahrhundert zu richten, wenn man nach Erfahrungen mit Seuchen in der Moderne sucht. So springen einige frappierende Analogien zwischen den damaligen Reaktionen auf die Cholera und den heutigen auf Covid-19 ins Auge. Das heißt nicht, dass Corona und Cholera gleichgesetzt werden könnten; dafür sind die Unterschiede zwischen den Jahrhunderten und den Krankheiten zu offensichtlich – angefangen bei dem Umstand, dass die eine durch ein Bakterium, die andere durch ein Virus verursacht wird. Aber die Verhaltensweisen von heute und einst vergleichend in den Blick zu nehmen führt insofern zu einer neuen Sichtweise, als uns das frühere Verhalten plötzlich weniger fremd und das heutige weniger neu vorkommt.

          Die Seuche als etwas „Fremdes“

          Zu den Analogien zählt das sogenannte „Othering“, also die Bereitschaft, die Seuche für etwas „Fremdes“ und sich dadurch vom Leib zu halten. So war die Bezeichnung der Krankheit als „asiatische Cholera“ einerseits eine zutreffende geographische Herkunftsbestimmung. Tatsächlich ließen sich die Wellen immer wieder bis in Regionen des indischen Subkontinents zurückverfolgen. Dort war die Krankheit schon seit langem endemisch, bevor sie – womöglich forciert durch klimatische Konstellationen – 1817 so heftig ausfiel, dass die Infektionsketten erstmals die Grenzen Indiens überschritten. Doch diente die Bezeichnung als „cholera asiatica“ nicht nur der medizinischen Abgrenzung dieser bedrohlichen Erkrankung von harmloseren, in Europa bekannten Formen des Brechdurchfalls. Hinter der Kennzeichnung der Seuche als „asiatisch“ verbarg sich vielmehr die implizite Annahme einer kulturellen und damit auch hygienischen Überlegenheit europäischer Zivilisation, deren Vertreter glaubten, sich in Sicherheit wiegen zu können. Denn eigentlich würden ja nur unreinliche, zurückgebliebene, barbarische Regionen von der Cholera betroffen. Im Morgenland, so stand es in den preußischen Provinzblättern 1831, sei es „finster geworden“. Nicht mehr Heil und Licht kämen aus dem Osten, sondern „das Verderben“. Dass die Krankheit die Gesellschaften Europas gefährden könnte, hielten viele wegen dieser vermeintlichen Kulturdifferenz auch dann noch für ausgeschlossen, als sie längst europäischen Boden erreicht hatte.

          Professor Dr. Birgit Aschmann lehrt Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität Berlin.
          Professor Dr. Birgit Aschmann lehrt Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität Berlin. : Bild: privat

          1829 aber waren im russischen Orenburg erstmals auch Europäer an der Cholera gestorben. Als seitdem Krankheitsfälle auch immer weiter westlich auftraten, begannen einige Regierungen, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. So wurden aus zahlreichen europäischen Staaten Ärzte nach Warschau geschickt, nachdem die Seuche dort ausgebrochen war, um vor Ort den Rätseln der Krankheit auf die Spur zu kommen. Was sie auslöste, wie sie übertragen wurde und womit sie zu behandeln sei, war unter den Medizinern strittig. Zwei Konzepte konkurrierten miteinander: einerseits die Annahme, dass die Krankheit über sogenannte „Miasmen“ durch die Luft übertragen würde, andererseits die Vermutung, dass sie „kontagiös“ sei, also mittels Ansteckung von Mensch zu Mensch weitergereicht werde.

          Die preußische Regierung setzte im Frühjahr 1831 auf das kontagiöse Modell, das aus der Pestzeit bekannt war. Damit initiierte sie einen Abwehrkampf, der sich nicht nur gegen einen abstrakten Feind richtete, sondern auch konkret gegen alle, die im Verdacht standen, die Krankheit zu übertragen. Nicht nur sprachlich zeigte sich, welche Register gezogen wurden. Das Vordringen der Cholera wurde als „Einrücken des Feindes in unsre Gränzen“ bezeichnet, die Choleratoten hießen „Schlachtopfer“. Nach den vorherrschenden Deutungsmustern blieb Preußen keine andere Wahl, als das eigene Territorium entschlossen zu verteidigen.

          Neue Grenzlinien allerorten

          So wurde das Militär mobilisiert, um im Osten einen Grenzwall von der Ostsee bis zur Grenze zu Österreich im Süden zu errichten. Dort schloss dieser Cordon sanitaire an den habsburgischen Wall zwischen Österreich und den osmanischen Gebieten an, so dass auf einer Länge von rund 6000 Kilometern ein Grenzübertritt offiziell nur noch an sogenannten Kontumaz-Stationen möglich war. Dort wurden Grenzgänger vor ihrer Weiterreise vorsorglich mehrere Tage in Quarantäne genötigt. Alle anderen Straßen wurden gesperrt und Brücken abgebrochen. Der Cordon sanitaire war kein Grenzwall aus Stein, sondern aus menschlichen Körpern: In drei Linien gestaffelt, mussten Soldaten Wache schieben. Sollte sich jemand der Grenze nähern und auf Zuruf nicht reagieren, konnte er erschossen werden.

          Fast zwanzig Jahre war es da her, dass das preußische Militär zum letzten Mal in den Kampf gezogen war. Jetzt lagen Vergleiche mit dem Krieg gegen Napoleon nahe, schon weil einem der Helden der Befreiungskriege, Neidhardt von Gneisenau, das Oberkommando über den Abwehrwall gegen die Cholera übertragen worden war.

          Neue Grenzlinien wurden allerorten in Europa gezogen. Sie markierten nicht nur staatliche Territorien, sondern sollten auch Gesunde von Kranken separieren. Bürger riegelten ihre Städte und Bauern ihre Dörfer ab, um sich vor dem Eindringen der Gefahr zu schützen. Nicht ohne Überheblichkeit berichtete Gneisenau von Bauern, die unter Rückgriff auf religiöse Rituale und abergläubische Praktiken Furchen um ihre Dörfer zogen, um die Krankheit fernzuhalten. Das Militär wiederum nahm ganze Städte in Arrest, wenn sich dort die Seuche auszubreiten begann.

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          Letztlich erwies sich der mit enormem Aufwand errichtete Militärcordon als wenig wirksam. Ende August 1831 meldeten die Zeitungen den Tod Gneisenaus. Auch wenn beteuert wurde, dass der Generalfeldmarschall „nicht an der Cholera verstorben“ sei, ließ sich die Wahrheit nicht lange verbergen. Sein Generalstabschef Carl von Clausewitz hatte – ohne die Cholera explizit zu erwähnen – in einem unmittelbar nach dem Tod Gneisenaus verfassten Bericht vom 24. August 1831 verdeutlicht, dass die betreuenden Ärzte „über die Natur der Erscheinungen“ nie uneinig gewesen seien. Clausewitz selbst musste danach in Quarantäne, seine Briefe wurden – um mögliche Krankheitsstoffe unschädlich zu machen – durchräuchert.

          Clausewitz hatte aus seiner Beobachtung des Fortschreitens der Cholera entlang der Flussläufe bereits vorausgesagt, dass sich die Berliner im Sommer auf ihre Ankunft einstellen sollten. Nur wenige Tage nach Gneisenaus Tod war es so weit. Am 1. September 1831 musste Friedrich Wilhelm III. eingestehen, dass alle Bemühungen des Militärs vergeblich gewesen waren. In verblüffender Analogie zu seiner Deklaration nach dem Einmarsch napoleonischer Truppen in Berlin im November 1806 ermahnte er die Bevölkerung, die schwere Prüfung mit Anstand zu überstehen. Jeder Bürger solle „nur noch dem Rufe seiner Pflicht und der Stimme seines Gewissens“ treulich folgen, um der Gefahr „mit ruhigem Gemüth“ und „unerschrockenem Vertrauen“ entgegentreten zu können.

          Die Sorge um „Vertrauen“ und ein „ruhiges Gemüt“ war keine Petitesse. Die Legitimität des Staates speiste sich nicht zuletzt aus seiner Fähigkeit, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Scheiterte er daran, die Gesundheit seiner Bürger zu schützen, konnte Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Regierung und damit auch staatliche Stabilität schnell erodieren. Vor diesem Hintergrund leuchtet ein, dass die Interdependenzen zwischen Cholera und Politik gerade in Revolutions-, Kriegs- oder Krisenzeiten besonders intensiv waren. Sie konnte international durchaus – wenn auch unfreiwillig – deeskalierend wirken: Dass russische Truppen 1830 nicht nach Westen zogen, um gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen in Belgien zu intervenieren, war nicht nur dem Aufstand der Polen geschuldet. Die Cholera dezimierte die Truppen des Zaren. Zumeist aber wirkte die Cholera eskalierend, indem sie bereits bestehende Konflikte verschärfte. So sahen besorgte Konservative Europa gleich von „drei Seuchen“ heimgesucht: einer politischen, einer „spekulativen“ (damit war Hegel gemeint) und einer physischen. Auch in Frankreich wurden Revolution und Cholera in der konservativen Publizistik als Verbündete dargestellt, die einander den Weg bereiteten.

          Jedenfalls traf die Cholera im Sommer 1831 in Preußen auf eine durch die Julirevolution des Vorjahres zutiefst verunsicherte Gesellschaft. Akademiker wie der preußische Historiker Barthold Georg Niebuhr hatten schon Ende 1830 apokalyptische Visionen von bevorstehenden Zerstörungen von Wohlstand, Freiheit und Wissenschaft verbreitet. Im Juli 1831 klagte Friedrich Gentz seiner Vertrauten Rahel Varnhagen von Ense, dass es „immer wilder und finsterer auf Erden“ werde und niemand mehr in der Lage sei, das Schicksal seines Landes mit Sicherheit auf vier Wochen im Voraus zu berechnen. Freund und Feind seien nicht klar zu trennen, irgendwie sei es ein Krieg aller gegen alle.

          Die Cholera trug dazu bei, dass aus sozialen Bruchstellen Frontlinien wurden. Ursächlich dafür war nicht zuletzt die heftige emotionale Reaktion der bürgerlichen Schichten. Die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen reagierten unterschiedlich auf die Seuchengefahr. Besondere Panik löste sie offenbar unter den Bürgern aus, schon weil der plötzliche, unwürdige, ekelerregende Tod mit den Konzepten bürgerlicher Selbstbestimmung und Individualität nicht in Deckung zu bringen war – die Erkrankten verschieden oftmals binnen Stunden infolge eines massiven Flüssigkeitsverlustes durch Erbrechen und Durchfall.

          Die große Angst der Bürger vor der Seuche mischte sich mit einer Furcht vor sozialen Aufständen der Unterprivilegierten. Da die Armen zugleich wegen der ihnen nachgesagten Lebensweise als Einfallstor für die Cholera galten, wuchsen die Vorbehalte ihnen gegenüber. Das Misstrauen war allerdings wechselseitig: Dass insbesondere Menschen aus Armenvierteln starben, hielten auch die unteren Schichten nicht für Zufall. Nur die Erklärungen dafür waren gänzlich andere. Grenzüberschreitend wie die Krankheit selbst grassierten Verschwörungstheorien: Die Existenz der Krankheit wurde bezweifelt, die zahlreichen Toten galten als Opfer von Giftanschlägen, mit denen sich die Wohlhabenden angeblich der Armen entledigen wollten.

          Plausibilisiert wurden diese Gerüchte durch die typische Physiognomie von Cholera-Erkrankten, deren blau angelaufene Gesichter den Symptomen einer Arsenvergiftung ähnelten. Mediziner, deren Diagnose den sofortigen Abtransport der Patienten zur Folge hatte, galten nicht als Anwälte der Kranken, sondern als Helfershelfer des Staates oder als Profiteure in eigener Sache. So wurde ihnen etwa unterstellt, die Erkrankten erst für medizinische Experimente und dann die Leichen für anatomische Studien zu missbrauchen. Berichte über Ärzte, die mangels besseren Wissens die apathisch und kühl werdenden Patienten mit Brenneisen oder anderen brennenden Materialien auf der Brust traktierten, befeuerten die Befürchtungen von Angehörigen.

          Unruhen und Aufstände

          Auch wenn Statistiken belegen, dass die Heilungschancen in Berliner Hospitälern insgesamt besser waren als die der Zu-Hause-Gebliebenen, so trugen doch derartige Erzählungen dazu bei, Misstrauen gegenüber dem Ärztestand zu säen. Die unteren Schichten hatten wohl weniger Angst vor der Krankheit selbst als vor den Medizinern und Sicherheitsorganen, die Infizierte auch unter Anwendung von Gewalt in Hospitäler brachten und nach deren Tod schnelle, nächtliche Bestattungen auf abgeschirmten Cholerafriedhöfen erzwangen. Neben den Zwangsverriegelungen von Häusern, in denen Kranke gefunden wurden, gehörten die Beerdigungen ohne jedes religiöse Ritual zu den Maßnahmen, die den größten Widerstand in der Bevölkerung auslösten.

          Unruhen und Aufstände waren überall eine Reaktionen auf die erste Cholerawelle, wie Berichte etwa aus St. Petersburg, Königsberg, Paris, Liverpool oder Madrid belegen. Anders als zu Pestzeiten entlud sich die Aggression diesmal aber meist nicht gegen die jüdische Bevölkerung, auch wenn antisemitische Gerüchte kursierten – wie Rahel Varnhagen bestätigte. Vielmehr wurden Polizeistationen oder Apotheken geplündert und Mediziner oder andere vermeintliche Giftmischer gejagt. Zumeist verliefen die Aufstände aus Sicht der Obrigkeit relativ glimpflich, wozu auch Bürgergarden beitrugen, die sich auf die Seite der Sicherheitskräfte schlugen. Die Cholera führte dazu, dass Bürgertum, Aristokratie und Staat gegenüber den aufbegehrenden Unterschichten die Reihen schlossen.

          Nur in Spanien eskalierte 1834 die Gewalt: In Madrid wurden 80 Geistliche gelyncht, nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, dass Jesuiten die Brunnen vergiftet hätten. Weder Bürgerwehr noch Sicherheitskräfte schritten ein. Vermutlich ließen sie den Mob gewähren, weil die Kleriker im Verdacht standen, mit den Karlisten zu kooperieren, gegen die die spanische Regierung damals einen (Bürger-)Krieg führte.

          So folgten die Reaktionen auf die Cholera einerseits nationalen Pfaden, indem sie mit spezifischen regionalen Konfliktlinien interagierten. Andererseits wiesen sie doch zahlreiche Übereinstimmungen auf. Diese intensivierten sich im Laufe der folgenden Cholerawellen, nachdem 1851 erstmals Mediziner und Diplomaten verschiedener europäischer Länder auf Initiative der französischen Regierung zu einer internationalen Konferenz zusammengekommen waren. Zu den Übereinstimmungen zählte der Wille, gegenüber den Anstrengungen zum Schutz der Gesundheit nicht die Kosten für die Wirtschaft aus dem Auge zu verlieren. Seit der ersten Epidemie hatte es immer wieder Klagen darüber gegeben, dass die Cholera-Maßnahmen einen viel höheren Schaden anrichteten als die Krankheit selbst. So hatte die rigorose Abriegelung des von der Cholera befallenen Danzig die Finanzen der Stadt dermaßen in Unordnung gebracht, dass sich der Oberpräsident von Ostpreußen, Theodor von Schön, kurz darauf weigerte, auch Königsberg mit einem Militärcordon zu umgeben. Die Zwangseinweisung in Hospitäler wurde in Königsberg aufgehoben, die Häuser- wurden in Wohnungssperren verwandelt – sie hatten zahllose Menschen an den Rand des Ruins gebracht, aber auch die städtischen Kassen geleert, aus denen die Versorgung der vielen Eingeschlossenen bestritten werden musste.

          Die Cholera war nicht nur ein politischer, sozialer und demographischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Dabei waren die europäischen Gesellschaften unterschiedlich heftig betroffen. Während der ersten Welle starben in Preußen von rund 13 Millionen Einwohnern rund 40 000 Menschen; in Spanien waren es bei der gleichen Bevölkerungsanzahl mehr als 300 000.

          Wenn Gesellschaften mehrfach hintereinander von einer Krankheit heimgesucht wurden, die schon deshalb die Wirtschaftskraft bremste, weil die Bürger – wie zum Beispiel in Spanien – mit Massenflucht auf die Ausbrüche reagierten, müsste die Cholera bei der Beurteilung der Entwicklung der Wirtschaft im 19. Jahrhundert stärker berücksichtigt werden. Aber nicht nur eine Revolutions- oder Wirtschafts-, auch eine Wissensgeschichte dürfte von einer stärkeren Berücksichtigung der Cholera profitieren. Zumindest zeigt sich auch hier, wie sehr außerwissenschaftliche Faktoren bei der Durchsetzung wissenschaftlicher Paradigmen eine Rolle spielen können. So dürfte der Umstand, dass das Miasmakonzept weniger Kollateralschäden verursachte, eine Rolle dabei gespielt haben, dass sich allmählich die Auffassung einer Ansteckung durch die Luft etablierte: Luftströme wurden von Cordons nicht aufgehalten, so dass diese wirtschaftsschädigenden Maßnahmen unterbleiben konnten; zudem waren Praktiken der Nächstenliebe willkommen, weil menschliche Nähe eben nicht als schädlich galt.

          Dass der Krankheitserreger sich über verunreinigtes Wasser verbreitete, hielten deutsche Wissenschaftler jedenfalls selbst 1854 noch für ausgeschlossen, als ein britischer Arzt die damalige Choleraepidemie in London auf eine Wasserentnahmestelle zurückführen konnte. Im selben Jahr präsentierte der bayerische Wissenschaftler Max von Pettenkofer eine Studie, wonach die Cholera zweifelsfrei auf die Ausdünstungen verunreinigten Bodens zurückgingen. Die Evidenz sprach dafür: Einen Krankheitserreger sah man nicht; den pestilenzartigen Gestank von Kot und Abfall in europäischen Großstädten hingegen rochen alle. Dabei hatte die Fehlannahme auch ihr Gutes: Die Hygienebewegung trug erheblich zur Hebung der Lebensqualität in den Städten bei.

          Pettenkofer war allerdings auch nicht zu überzeugen, als Robert Koch 1883/84 das Bakterium Vibrio cholerae aus dem Darm von Erkrankten isolieren, unter dem Mikroskop sichtbar machen und damit den Übertragungsweg via Ansteckung und Wasserkonsum belegen konnte. Um den als nationalen Helden gefeierten Charité-Professor zu entzaubern, war Pettenkofer zum Selbstversuch bereit. Er schluckte die Bakterienkultur, die ihm von Kochs Mitarbeitern zugeschickt worden war – bekam Durchfall, überlebte und glaubte anschließend, Koch damit widerlegt zu haben.

          Das Schwanken der Wissenschaftler war nicht zuletzt dadurch bedingt, dass sich keine Gesetzmäßigkeiten erkennen ließen, die zuverlässige Resultate brachten: Menschen konnten nahe beieinander sein, ohne sich anzustecken, und längst nicht jeder Infizierte zeigte Symptome. Vor allem aber trog die Hoffnung, mit der Entdeckung des Erregers die Gefahr gebannt zu haben. 1885 war die Iberische Halbinsel fest im Griff der nächsten Cholerawelle; 1892 brach die Seuche noch einmal in Hamburg aus und raubte rund 8600 Menschen das Leben.

          Alles schon mal dagewesen

          Im 20. Jahrhundert verschwand die Cholera aus Europa – und mit ihr verflogen die Erinnerungen an ihren Schrecken. Als in den 1970er Jahren die WHO die Ausrottung der Pocken verkündete, schienen Seuchen plötzlich ganz der Vergangenheit anzugehören. Das begann sich mit Aids, Ebola und den ersten Sars-Viren im 21. Jahrhundert wieder zu ändern.

          Mit dem Ausbruch von Corona ist es evident, dass die Seuchen aus der Nische der Medizingeschichte herausgeholt werden müssen. So wie die Finanzkrise von 2008 auch zu Neuorientierungen in der Geschichtswissenschaft geführt hat, wird auch Corona die Historiographie prägen. Nicht nur weil mit den Seuchen ein bislang vernachlässigtes Thema verstärkt auf die Agenda treten wird. Auch die methodischen Ansätze müssen überprüft werden: Schon hat Jürgen Osterhammel der Globalgeschichte eine „Denkpause“ empfohlen und angeregt, der Wirkmächtigkeit belebter Mikroorganismen stärker Rechnung zu tragen.

          Vor allem aber bleibt zu fragen, wie es um unsere implizit doch immer noch von Fortschrittsmodellen geprägten Geschichtsbilder steht, wenn sich in der Corona-Krise herausstellt, dass wir uns heute nicht viel anders verhalten als die Menschen vor rund 200 Jahren. Hamsterkäufe und Häusersperren, entleerte Straßen und alleingelassene Sterbende, Angstzustände und Aufstände, Wutbürger und geschlossene Theater, Verschwörungstheorien und die Verschiebung des Wintersemesters – alles schon mal dagewesen.

          Insofern lohnt es sich auch, wieder einmal Hegel zu lesen. Er spricht – zeitgenössischen Vorstellungen über Infektionswege folgend – von „Ansteckung“, um die Diffusion der Philosophie der Aufklärung zu beschreiben, die sich wie ein Geruch in der Atmosphäre verbreite. Es geht dabei um das Verhältnis von Aufklärung und Glauben sowie Aberglauben. Schon die Abwehrreaktionen gegen die neuen Ideen seien ein Indiz dafür, dass die Gesellschaft hinreichend von der – miasmagleich verströmten – Aufklärung infiziert sei. Woran sich – um in Hegels Bild zu bleiben – die heutigen Gesellschaften noch vor Corona angesteckt hatten, bedarf angesichts der zahlreichen heftigen Abwehrkämpfe noch der schärferen Diagnose. Inwiefern Corona nun die Zukunft verändert, bleibt vollkommen spekulativ. Gut möglich, dass – wie es Bundespräsident Steinmeier formulierte – die Welt nach Corona eine andere sein wird. Aber die Geschichte der Cholera im Laufe des 19. Jahrhunderts lehrt auch, dass man sich mit einer wiederkehrenden Seuche offenbar derart arrangieren kann, dass die von ihr angerichteten Schäden weder nachhaltig in das Bewusstsein der Zeitgenossen noch das der späteren Historiographie traten. Erstaunlich schnell war sie vergessen.

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