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Politische Korrektheit : Die Schließung der Demokratie

  • -Aktualisiert am

Eine „politische Pandemie“, und ausgerechnet die Universitäten bilden darin eine Avantgarde: Der Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Gründer Bernd Lucke (Mitte) versucht am 16. Oktober 2019 an der Universität Hamburg seine Antritts-Vorlesung zu halten. Die Veranstaltung muss wegen der Proteste von Studenten abgebrochen werden. Bild: dpa

Radikale Minderheiten verengen Schritt für Schritt den Raum des politischen Diskurses. Sie tun das im Namen der Demokratie – doch die soll nur noch für Gleichgesinnte gelten. Alle anderen werden ausgeschlossen.

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          Lange haben wir es für eine Selbstverständlichkeit gehalten: Demokratie und die offene Gesellschaft – das sind zwei Seiten einer Medaille. Karl Popper, dessen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ diesem Begriff Geltung verschaffte, hat es so gesehen. Im Schatten der Totalitarismen seiner Zeit, mit denen sein Buch sich auseinandersetzte, schien es, als habe er nur etwas ganz und gar Offensichtliches ausgesprochen. Offene Gesellschaft – das heißt im Kern Respekt vor der Freiheit des Denkens und des Redens als Fundament des gesellschaftlichen und des politischen Lebens. Wie sollte Demokratie ohne diesen Respekt möglich sein? Und wie anders könnte dieser Respekt institutionalisiert werden als in einer rechtsstaatlich verfassten Demokratie?

          Gehören Demokratie und offene Gesellschaft wirklich untrennbar zusammen? Ziemlich genau ein Jahrhundert vor Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hatte Alexis de Tocqueville in seiner epochalen Analyse der jungen amerikanischen Demokratie eine Gegenthese formuliert: Zu den Feinden oder richtiger zu den Gefährdern der offenen Gesellschaft kann gerade auch die Demokratie gehören. Nicht der demokratisch verfasste Staat war es, von dem Tocqueville die Gefahr für die Freiheit des Denkens, des Redens, des Schreibens ausgehen sah, sondern die demokratische, die vom Geist der Demokratie geprägte Gesellschaft.

          In Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen – das einschlägige Kapitel trägt die Überschrift „Über die Allmacht der Mehrheit in den Vereinigten Staaten und ihre Wirkung“ –, beschrieb Tocqueville als einen der stärksten Eindrücke, die er von seiner Reise mitbrachte, den ungeheuren Konformitätsdruck, den die Mehrheit mit ihren Anschauungen auf die ausübt, die anders denken als sie. Er erkannte darin eine neue Art von Despotismus. „Ich kenne kein Land, in dem im Allgemeinen weniger geistige Unabhängigkeit und weniger wahre Freiheit herrscht als Amerika“ – mit diesem dramatischen Satz leitete Tocqueville die Schlüsselpassage des Kapitels ein. Und er fuhr fort: „Die Mehrheit umspannt in Amerika das Denken mit einem erschreckenden Ring.“

          Professor Dr. Peter Graf Kielmansegg ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim.
          Professor Dr. Peter Graf Kielmansegg ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim. : Bild: privat

          Bestimmte Themenfelder werden zu Tabuzonen

          Sodann beschrieb Tocqueville genauer, was den neuen Despotismus vom traditionellen Despotismus unterscheide: Der neue Souverän, die Mehrheit „sagt nicht mehr: entweder du denkst wie ich oder du bist des Todes, er sagt: du bist frei, nicht so zu denken wie ich; du behältst dein Leben, deinen Besitz, alles; aber von dem Tage an bist du unter uns ein Fremdling. Näherst du dich deinen Mitmenschen, werden sie dich wie ein unreines Wesen fliehen, und selbst die, die an deine Unschuld glauben, werden dich verlassen, denn auch sie würden gemieden. Ziehe hin, ich lasse dir das Leben, es wird aber für dich schlimmer sein als der Tod.“ Mag der Staat noch so sehr durch Grundrechte gezähmt sein, respektiert die Gesellschaft die Bedingungen der Möglichkeit der Freiheit nicht, so gibt es keine Freiheit – das ist die Quintessenz von Tocquevilles Befund.

          Fast zweihundert Jahre nach Tocquevilles Amerika-Buch wissen wir: Er hat recht behalten mit seiner Warnung, dass Konformitätsdruck zu einer dramatischen Gefährdung der Freiheit in der Demokratie werden kann. Er hat recht behalten mit seiner Wahrnehmung, dass Stigmatisierung die tödliche Waffe des Konformitätsdrucks ist. Nicht recht behalten hat er aber mit seiner Annahme, dass es die Mehrheit sei, von der die Gefahr des neuen gesellschaftlichen Despotismus ausgeht.

          Für die westlichen Demokratien unserer Tage jedenfalls gilt: Es sind von unerschütterlicher Selbstgewissheit getragene, oft kleine, aber sehr aggressive Minderheiten, die „das Denken mit einem erschreckenden Ring zu umspannen“ versuchen, die das Ideal der offenen Gesellschaft aufkündigen und die Prozesse der Schließung der Demokratie im Namen der Demokratie in Gang setzen.

          Schließung der Demokratie meint: Der Raum freien politischen Diskurses wird Schritt für Schritt verengt. Bestimmte Themenfelder werden besetzt und zu Tabuzonen erklärt, in denen sanktionsbewehrte Sprachregelungen gelten. Sie werden, heißt das, für den freien Diskurs gesperrt. Erfolg können die jeweils aktiven Minderheiten damit nur haben, wenn sie Mitläufer finden, die den Tabuisierungen im öffentlichen Raum Nachdruck und Breitenwirkung verschaffen. Und wenn denen, die anderen Sinnes sind, der Mut zum Widerspruch fehlt.

          „Wir sind die Demokratie“

          Das Selbstverständnis derer, die Schließungskampagnen betreiben, lässt sich auf die Formel bringen „Wir sind die Demokratie“. Die Nähe der Formel zum populistischen Schlachtruf „Wir sind das Volk“ ist alles andere als zufällig. Hier wie dort geht es um Exklusion im Namen der Demokratie, Exklusion derer, die anders sind, Exklusion derer, die anders denken. Demokratie als geschlossene Gesellschaft Gleichgesinnter – das ist das Ideal, das hinter der Gewissheit „Wir sind die Demokratie“ steht. Andersdenkenden nicht mehr zuzuhören, nicht mehr mit ihnen zu reden, sie, wenn es möglich ist, aus der Öffentlichkeit zu verbannen ist die Handlungsmaxime, die aus diesem Ideal folgt. Wer nicht so denkt, redet, schreibt, agiert wie wir, gehört nicht dazu.

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          Dabei ist von den beiden Spielarten demokratischer Selbsterhöhung die progressive, von der Überzeugung „Wir sind die Demokratie“ getragene die gefährlichere, jedenfalls in den deutschen Verhältnissen. Denn dem Populismus, der von rechts her kommt, stellt sich hierzulande ein starker Widerstand fast aller Kräfte entgegen, die in dieser Gesellschaft etwas gelten.

          Schließungskampagnen hingegen, die der Devise folgen „Wir sind die Demokratie“, finden erstaunlich starke Resonanz und Unterstützung in der intellektuellen Welt, den Medien, den Universitäten. Und der Mut, ihnen entgegenzutreten, ist nicht sehr verbreitet, auch in der Politik nicht. Schließlich tragen diese Kampagnen das Banner demokratischer Ideale vor sich her, oft unter Berufung auf das Recht des Opfers vergangenen, fortwirkenden Unrechts.

          Das Instrument der Schließung ist die Ächtung, die Verhängung der Acht im Namen der Demokratie. Wer geächtet ist, steht außerhalb der demokratischen Diskursgemeinschaft. Er ist kein Mitbürger mehr, dem man in der politischen Auseinandersetzung Argumente schuldet. Ächtung trifft auch den, der sich mit einem Geächteten noch auf ein Gespräch einlässt. Er hat sich durch Kontakt infiziert. Die Exklusionsstrategie kennt keine Halbheiten.

          Durch Kontakt infiziert

          Nicht selten wird dem Geächteten zugerufen, Kritik müsse er aushalten; das gehöre zur Demokratie. Dieser Zuruf hat etwas Zynisches. Es handelt sich ja gerade nicht darum, dass Argumenten Argumente entgegengesetzt werden, wie es im demokratischen Streit der Meinungen sein soll. Es handelt sich darum, dass Andersdenkende als Personen disqualifiziert werden. Man erklärt sie zu „Unberührbaren“ im öffentlichen Diskurs der demokratischen Gesellschaft.

          Die Frage drängt sich auf, wie Kampagnen, die so offensichtlich den Geist der Demokratie verleugnen, im Namen der Demokratie geführt werden und erstaunlich erfolgreich sein können. Eine mögliche Erklärung lautet, dass Gesellschaften sich in diesen Kampagnen an Traumata abarbeiten, die in einem tief in ihre Geschichte eingebetteten epochalen Unrechtsgeschehen ihre Wurzeln haben: dem zähen Festhalten an der Institution Sklaverei im Fall der Vereinigten Staaten, der Vergangenheit als Großmacht des Kolonialismus im britischen Fall, dem Menschheitsverbrechen des Holocausts im deutschen – symbolische Wiedergutmachung als Leitmotiv der Demokratieschließung, die eben deshalb auch mit dem besten Gewissen betrieben werden kann.

          Für die freie wissenschaftliche Diskussion und Rede bald geschlossen? Goethe-Universität, aufgenommen während der Corona-Pandemie im April 2021
          Für die freie wissenschaftliche Diskussion und Rede bald geschlossen? Goethe-Universität, aufgenommen während der Corona-Pandemie im April 2021 : Bild: Lucas Bäuml

          In diesen Erklärungsversuch fügt sich ein, dass inzwischen Genderbewegungen verschiedener Couleur, Minderheiten, die sich über ihre geschlechtliche Identität definieren, Schlüsselakteure in den Kampagnen der Demokratieschließung geworden sind. Auch hier legitimiert der Status des Opfers vergangenen oder auch gegenwärtigen Unrechts, den die Akteure für sich in Anspruch nehmen, ihren Feldzug gegen die, die als andersdenkend wahrgenommen werden.

          Eine politische Pandemie

          Was immer zur Erklärung des Phänomens zu sagen sein mag – man kann das Bestreben vielfältiger Kräfte, den Raum freien politischen Diskurses im Namen der Demokratie Schritt für Schritt einzuengen, bei aller Varianz zwischen den Gesellschaften des Westens als eine Art von politischer Pandemie beschreiben. Deutschland hat teil an dieser politischen Pandemie, aber es stellt sich doch auch als ein Sonderfall dar. Natürlich ist es seine Geschichte, die Deutschland immer wieder zu einem Sonderfall macht, die zwölfjährige Verbrechensherrschaft des Nationalsozialismus, die dem Land für alle Zukunft eine einzigartige Bürde auferlegt hat, auferlegt auch dadurch, dass es die Bürde angenommen hat.

          Im Schatten dieser Vergangenheit konnte sich eine spezifisch deutsche Schließungsstrategie herausbilden. Wer in den Vergangenheitsschatten gerückt wird, ob zu Recht oder Unrecht, wird zur Unperson. Davor sind nicht viele gefeit. Dem, der Vorfahren hat, die in den Jahren 1933 bis 1945 in Deutschland gelebt haben, solle, so wurde es jüngst mit einigem Beifall vorgeschlagen, das Schild „Nazihintergrund“ umgehängt werden. Die Assoziationen, die dieses Etikett heraufbeschwört, sind willkommen.

          Aber es muss gar nicht explizit auf den Nationalsozialismus Bezug genommen werden. Schon das Etikett „rechts“ weist in die gewünschte Richtung, ohne dass es einer genaueren Begründung bedürfte. „Gegen rechts“ ist denn auch die Kampfparole dieser spezifisch deutschen Strategie. Sie unterstellt, dass es „rechte“ politische Haltungen und „rechte“ politische Bewegungen nicht gibt, die den demokratischen Verfassungsstaat bejahen und deshalb einen legitimen Anspruch auf politische Mitgestaltung unseres Gemeinwesens haben. Die Formel „gegen Rechts“ hebt die Unterscheidung zwischen einem demokratiekonformen, vielleicht sogar der Demokratie bekömmlichen Konservativismus und einem demokratiefeindlichen Rechtsextremismus bewusst auf.

          Dass linke politische Kräfte ein Interesse daran haben, diese Grenzlinie zu verwischen, kann niemanden überraschen. Wie weit sie dabei Unterstützung finden, im Sprachgebrauch der öffentlich-rechtlichen Medien etwa, sogar der Kirchen, überrascht schon eher. Es hat gewiss nicht nur, aber doch auch mit dieser Schließungsstrategie zu tun, dass die Union allmählich eine Partei der linken Mitte geworden ist – die Strategie zielt ja darauf, das Spektrum legitimer politischer Standorte im demokratischen Wettbewerb zu halbieren.

          Universitäten als Avantgarde

          Es fällt auf und macht betroffen, dass ausgerechnet Universitäten eine Art von Avantgarde in den Schließungsfeldzügen bilden, vor allem in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Deutschland. Alle drei Gruppen von Beteiligten treten uns im akademischen Milieu geradezu exemplarisch entgegen: die aktiven Minderheiten, die den Feldzug führen, die Mitläufer, die es für opportun halten, dabei zu sein, und die, denen der Mut zum Widerspruch fehlt, weil sie Ächtung fürchten.

          Müsste nicht das Wahrheitsethos der Wissenschaft die Universität wie keine andere Institution auf das Prinzip Offenheit verpflichten, auf die Bereitschaft, zuzuhören, Antworten im offenen Austausch der Argumente zu suchen? Oder sind gar nicht die Wissenschaftler die treibende Kraft, sondern die Universitätsverwaltungen, denen es um das Bild geht, das sich die Öffentlichkeit von ihrer Institution macht? Wie auch immer – es bleibt ein Rätsel, dass gerade Universitäten nicht begreifen, wohin der Weg der Gesinnungsschulungen und Gesinnungsprüfungen führt: in die Welt von „1984“.

          Migranten im Oktober 2015 in Bayern.
          Migranten im Oktober 2015 in Bayern. : Bild: dpa

          Die Schließungsprozesse, das versteht sich von selbst, sind in hohem Maße themenbezogen – jeder kennt die Themen, bei denen inzwischen höchste Vorsicht in allen öffentlichen Äußerungen geboten ist. Aber ihre Wirkungen sind keineswegs auf diese Themenbereiche beschränkt. Die Kampagnen verändern das gesellschaftliche Klima und die Tonart, in der eine Gesellschaft mit sich selbst im Gespräch ist, von Grund auf, weit über einzelne Themenfelder hinaus.

          An drei Beispielen will ich verdeutlichen, was es heißt, ein Themenfeld zu besetzen, um es für die freie Diskussion zu schließen. Dabei ist die Absicht nicht, die Sache selbst, um die es jeweils geht, aus- oder auch nur anzudiskutieren. Es geht darum, konkret vor Augen zu führen, warum eine Demokratie sich selbst preisgibt, wenn sie Schließungskampagnen, wer immer sie betreibt und wie immer sie gerechtfertigt werden, nicht entgegentritt; wenn sie duldet, dass ein Diskussionsverbot nach dem anderen Geltung gewinnt. Auf allen drei Feldern geht es um Fragen von existenzieller Bedeutung für das Gemeinwesen, um Fragen also, bei denen auch die Freiheit des Diskurses im politischen Meinungskampf von existenzieller Bedeutung ist.

          Demokratie und Diversität

          Bejahung von Diversität – diese Maxime hat das Selbstverständnis der westlichen Demokratien in ihrer jüngsten Entwicklungsphase wie keine andere bestimmt. Aber der allgemeine Diversitätsenthusiasmus hat es eher schwierig gemacht, die Frage, wie die Demokratie mit Diversität umgehen solle, so zu diskutieren, wie sie sich der Demokratie stellt.

          Soll sie sich auf den Abbau tatsächlicher, konkreter Diskriminierung – und Diskriminierungsvorwürfe sind es ja, die die Diversitätsdebatten bestimmen – konzentrieren? Oder hat sie die demokratische Bürgergesellschaft zu einer ständischen Gesellschaft neuer Art umgebaut, einer Gesellschaft, deren Stände Identitätskollektive sind, die sich in strikter Subjektivität, und das heißt eben auch ein Stück weit Beliebigkeit, konstituieren? Es ist offensichtlich, dass hier vor allem das demokratische Verständnis von Repräsentation zur Debatte steht.

          Für kaum ein Themenfeld sind inzwischen so drakonische Sprachregelungen durchgesetzt worden wie für dieses. Dabei gilt gerade hier, dass Freiraum des Denkens und Redens gebraucht wird. Es mag heikel sein zu fragen: Was ist Rassismus, und wann ist einer ein Rassist? Oder: Wann schlagen berechtigte Diskriminierungsanklagen in unberechtigte Privilegierungsforderungen um? Und wann in Herrschaftsansprüche – Ansprüche, die Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen umzuformen, ohne Rücksicht selbst auf überwältigende Mehrheiten? Aber es ist legitim, ja notwendig, so zu fragen. Herrschaftsansprüche haben übrigens zunächst oft die Sprache im Visier, aber dahinter natürlich dann auch das, was die Sprache auf den Begriff bringt.

          Politisches Streitthema Migration

          Eng benachbart der Diversitätsthematik ist das politische Streitthema Migration. Es ist etwas aus dem Fokus geraten, überlagert vor allem von der Pandemie. Aber es kann keinen vernünftigen Zweifel daran geben, dass die Wanderungsbewegungen aus den Armuts- und Unruheregionen des Globus in die reichen und sicheren Regionen eine der großen Herausforderungen für viele westliche Demokratien bleiben werden.

          Dass der Zustrom von Flüchtlingen aus anderen Kulturräumen in den betroffenen Demokratien ein zentraler Gegenstand des politischen Konfliktes geworden ist, könnte zu der Frage Anlass geben: Kann denn von Schließung hier überhaupt die Rede sein? Das Thema ist doch auf dem Markt demokratischen Meinungsstreites höchst präsent. Ja, das ist es – aber in einer Deformation, die deutlich widerspiegelt, dass auch auf diesem Feld eine wirksame Schließungskampagne geführt wird.

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          Auch und gerade in der Migrationsdiskussion ist die Symmetrie des demokratischen Diskurses verloren gegangen, jedenfalls in Deutschland. Die Fragen, um die es geht – „Wie weit sollen Demokratien ihre Grenzen öffnen? Wie weit können sie es ohne Selbstgefährdung tun?“ –, werden nicht so erörtert, als hätten beide Seiten valide, legitime Argumente. Oft hat es den Anschein, als stünden sich weltoffene Menschenfreunde und fremdenfeindliche Ethnonationalisten gegenüber. Gut und Böse ist klar geschieden. Die Frage „Wie weit sollten, wie weit können Demokratien ihre Grenzen öffnen?“ wird umformuliert in die Frage „Darf man Menschen in Seenot ertrinken lassen?“. Mit der Frage ist auch die Antwort gegeben. Denen, die die Moral auf ihrer Seite haben, stehen Unmenschen gegenüber.

          Natürlich gibt es wirkliche Islamophobie

          Die verhängnisvolle Folge dieser Strategie ist, dass der politische Einspruch gegen faktisch offene Grenzen in vielen betroffenen Demokratien tatsächlich eine Sache fremdenfeindlicher Parteien am rechten Rand geworden ist. Deutschland gehört zu ihnen. Das Schwert der moralischen Verurteilung, das über dem an sich legitimen und notwendigen Meinungsstreit hängt, erzwingt einen für die Demokratie höchst schädlichen Konformismus. Menschen finden sich vor die Alternative gestellt, sich entweder in diesen Konformismus einzufügen oder sich dem rechten Rand zuzuwenden.

          Wer hierzulande über Migration nachdenkt, muss auch über die Thematik „Der Islam und Europa“ nachdenken. Die Frage, ob der Islam – jedenfalls in den Ausprägungen, in denen er in der islamischen Welt dominiert – mit den Traditionen und Werten Europas vereinbar ist, ist legitim und muss gestellt werden. Dasselbe gilt für die Frage, welchen Islam Europa aufnehmen kann, ohne sich selbst zu beschädigen.

          Aber auch dieser Diskussion tritt eine Schließungskampagne mit ihrem charakteristischen Instrumentarium entgegen. Islamophobie ist ihr Schlüsselbegriff. Das Wort Phobie signalisiert, dass ein blinder, ja krankhafter Hass am Werk ist. Wer einer Phobie verfallen ist, ist kein ernst zu nehmender Diskussionspartner mehr. Das Wort ist denn auch in allen Schließungsfeldzügen sehr präsent. Aber ist, wer zweifelnd, skeptisch die Frage stellt, wie Europa und der Islam zueinander stehen und unter welchen Voraussetzungen die Integration dieser fremden Religion und Kultur gelingen kann, notwendig von blindem Hass oder blinder Furcht getrieben? Fragt er nicht vielleicht, alles andere als blind, weil er sich um die Bewahrung dessen sorgt, was Europa zu Europa macht? Natürlich gibt es wirkliche Islamophobie. Aber wenn das Wort genutzt wird, um jede kritische Auseinandersetzung mit dem Islam zu ersticken, muss man widersprechen – entschieden.

          Familie als Konstrukt

          Das dritte Themenfeld, das ich exemplarisch nennen will: die Familie. Familie nicht von den Bedürfnissen des Kindes, sondern von den Lebensplänen und Lebenswünschen der Erwachsenen her zu denken ist der die Entwicklung beherrschende Zug der Zeit. Familie wird dadurch zu einem fast beliebigen Konstrukt, das sich diesen Plänen und Wünschen immer wieder neu anzupassen hat. Worauf es hier ankommt: Über diesen Wandel offen, kontrovers zu diskutieren, ihn zum Gegenstand des demokratischen Meinungsstreites zu machen wird immer schwieriger.

          Auch hier, heißt das, sind Schließungsprozesse in Gang. Kann man, ohne als homophob geächtet zu werden, noch öffentlich dafür eintreten, dass Kinder Vater und Mutter brauchen, und zwar in einer stabilen Familiengemeinschaft für die ganze Zeit ihres Heranwachsens? Kann man, ohne als homophob geächtet zu werden, noch die Ansicht vertreten, dass die Ehe zwischen Mann und Frau eine andere gesellschaftliche Bedeutung hat als andere Partnerschaften, weil nur aus der Gemeinschaft von Mann und Frau Kinder hervorgehen können und weil diese Gemeinschaft die dem Kind in seinem Heranwachsen förderlichste ist? Noch einmal: Es geht hier nicht darum, die Fragen selbst aus- oder auch nur anzudiskutieren. Es geht um die Verteidigung der Möglichkeit, den gesellschaftlichen Diskurs überhaupt zu führen – als Diskurs unter Bürgern, die einander zuhören und einander respektieren.

          Wir haben begonnen mit der Formel von den zwei Seiten einer Medaille. Das Verhältnis von Demokratie und offener Gesellschaft zueinander ist komplexer als diese Formel. Schließungskampagnen, die bestimmte Themen im Visier haben, machen aus einer offenen Gesellschaft noch keine geschlossene. Aber sie beschädigen den demokratischen politischen Prozess. Je erfolgreicher sie sind, desto mehr geht es an die Substanz der Demokratie.

          Der Geist des erzwungenen Konformismus ist nicht der Geist der Demokratie, auch dann nicht, wenn dieser Zwang im Namen der Demokratie ausgeübt wird. Um der Demokratie willen müssen wir uns deshalb gegen jeden Versuch wehren, es seien Mehrheiten oder Minderheiten, die ihn unternehmen, „unser Denken“ – noch einmal Tocquevilles Worte – „mit einem erschreckenden Ring zu umspannen“.

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