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Bildung : Zwist am Abgrund

  • -Aktualisiert am
  • Die technisch-rationalen Fächer sind wichtiger und unbelasteter als ein Bildungsideal, das nicht ohne Grund gesprungen ist und das man nicht am falschen Platz reparieren soll.
    Ernst Bloch

In der „Frankfurter Zeitung“ stand Bildung etwa für die Fähigkeit zum „radikalen Fragen“ (Tillich), für die Wahrung des christlichen Erbes (Przywara) oder für die Perspektive auf das „Ganze“ jenseits des Spezialistentums (Jaspers). Unweigerlich geraten all diese Anrufungen in den Verdacht der Folgen- oder Zahnlosigkeit - und dieser Verdacht kommt auch in der jüngeren Diskussion immer wieder auf. So hört man von Vertretern einzelner Disziplinen, die auf ihre methodischen Standards stolz sind, sie würden innerhalb der Fachausbildung selbstverständlich auch die Fähigkeit zur Kritik und zum unabhängigen Denken schulen; weiter gehende Bildungsansprüche führten allenfalls zu inflationärem Palaver und seien letztlich Zeitverschwendung.

  • Der junge Mensch von heute hat meist keine noch so lose Beziehung zur näheren oder ferneren Vergangenheit.
    Emil Lederer

Doch damit nicht genug: Die Berufung auf Bildung ist auch deshalb heikel, weil dieses Wort in all seiner Unbestimmtheit zum Missbrauch geradezu einlädt. Auch hierzu ist die Erinnerung an die späte Weimarer Republik in bedrückender Weise hilfreich. Man höre nur, was ein prominenter Zeitgenosse seinerzeit zu sagen hatte: „Es liegt im Zug unserer heutigen materialisierten Zeit, dass unsere wissenschaftliche Ausbildung sich immer mehr den nur realen Fächern zuwendet, also der Mathematik, Physik, Chemie usw. Es soll ein scharfer Unterschied zwischen allgemeiner Bildung und besonderem Fachwissen bestehen. Da letzteres gerade heute immer mehr in den Dienst des reinen Mammons zu sinken droht, muss die allgemeine Bildung, wenigstens in ihrer mehr idealen Einstellung, als Gegengewicht erhalten bleiben.“ Die Zustimmung zu diesen Zeilen bleibt einem im Halse stecken, wenn man erfährt, dass es sich hier um ein Zitat aus Hitlers „Mein Kampf“ handelt. Viele Professoren bekämpften damals im Namen der Bildung eine Tendenz zur Versachlichung oder zum schnöden Materialismus, für die sie wahlweise Engländer, Juden oder Kommunisten verantwortlich machten. Wer von Bildung redet, darf nicht darüber schweigen, dass sie zur Ideologisierung taugt.

  • Die Idee der „Humanität“ in dem alten Sinne eines in sich selbst ruhenden Bildungs- und Lebensideals ist heute zur bloßen Ideologie depraviert. Eine reale Funktion zu erfüllen vermag nur eine Haltung, welche die ganze Spannung und Gespanntheit der Zeit in sich aufzunehmen gewillt und vermögend ist.
    Alfred von Martin

Im Angesicht dieser Abgründe wird verständlich, warum sich viele aus dem unsicheren Gelände namens Bildung zurückziehen. Man ist hin- und hergerissen zwischen dem Horror vor den „Fachmenschen ohne Geist“ (Max Weber) und der Abwehr einer Bildung als bloßer Einbildung, als rhetorischem Dünkel. Es handelt sich bei der Bildung wohl um das, was als ein Dachbegriff bezeichnet wird. Statt auf diesem Dach herumzutanzen, sollte man nachschauen, wie es in dem Haus aussieht, das es bedeckt. Dann kann man die Bildung wieder in die Offensive bringen, dann stößt man auf den guten Kern der Bildung oder, genauer gesagt, auf deren zwei gute Kerne. Sie heißen Reflexion und Orientierung.

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