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Bildung : Zwist am Abgrund

  • -Aktualisiert am

Häufig hört man in der aktuellen Debatte über die Krise der Universität in Deutschland die These, die Zweiteilung in Bachelor- und Masterstudium sei die Wurzel allen Übels. Das ist blühender Blödsinn. Diese Zweiteilung schützt die Studenten davor, sich auf halbem Wege im Dickicht des Wissens zu verirren, und sie eröffnet den Universitäten die Möglichkeit, im besten Sinne elastisch zu werden. Man kann Studenten das Erfolgserlebnis eines frühen Abschlusses bescheren und sie mit weiteren Angeboten locken, man kann Masterprogramme forschungs- oder praxisnah konzipieren, man kann sie fächerübergreifend ausgestalten, man kann Themen setzen und das eigene Profil schärfen, man kann große Gefäße schaffen und kleine Experimente wagen, man kann Angebote in der Breite und in der Spitze machen, man kann die Möglichkeiten für Zugänge und Ausgänge vervielfältigen.

Die Frage, ob eine Zweiteilung des Studiums sinnvoll ist, kann man getrost ad acta legen und sich stattdessen der Frage zuwenden, wie diese Zweiteilung am besten auszugestalten und auszukosten sei. Wendet man sich mit dieser Frage den real existierenden Universitäten zu, dann allerdings wird man trübsinnig. In weiten Teilen setzte sich bei der Einführung des neuen zweistufigen Studiums eine Tendenz durch, die mit der Bachelor-Master-Struktur eigentlich gar nichts zu tun hat. Sie ist in aller Schärfe schon von den Diskutanten der „Frankfurter Zeitung“ 1931/32 diagnostiziert worden: nämlich eben als Offensive der Ausbildung einerseits, als Defensive der Bildung andererseits.

  • Die Fachwissenschaftler weisen immer wieder nachdrücklich auf die Gefahr des Verdorrens hin, denen ein von der Allgemeinbildung abgeschnürtes Spezialistentum ausgesetzt sei. Sie haben zweifellos recht; nur eben ist ja gerade das übergeordnete Allgemeine fragwürdig geworden.
    Siegfried Kracauer

Im Bachelorsegment heißt dies: Der Pflichtbereich wird ausgeweitet und in zahllose kleine Module zerteilt, in denen die Studenten Credit Points hamstern und Ganztexte (was für ein Unwort!) hassen lernen. In den Masterstudiengängen rückt die Vermittlung von Spezialkompetenzen in den Vordergrund. Man bildet, wie Karl Jaspers seinerzeit böse anmerkte, „Erfolgsmenschen“ aus, „die sich selbst als Apparat benutzen“. Im Grunde ist die Lage absurd: Die deutschen Universitäten haben im vergangenen Jahrzehnt unter unendlichen Mühen neue Studienmodelle eingeführt, von denen die meisten schon direkt nach der Einführung wie Fremdkörper wirken. Die Studenten, die in die Universität eintreten, werden durch das vorgezogene Einschulungsalter und die Verkürzung der Gymnasialzeit immer jünger und passen nicht in das Korsett, mit dem sich die meisten Bachelorstudiengänge gerüstet haben. Diejenigen, die die Universität verlassen, laufen mit ihrem Expertenwissen ins Leere, wenn sie in das Wechselbad ihres Berufslebens hineingeraten. In einer Situation, in der Fachwissen immer schneller überholt ist, tut nicht nur Ausbildung not, sondern auch Bildung.

Die Klage über das Ende der Universität als Stätte der Bildung ist vollauf berechtigt. Doch Klagen allein genügt nicht. Man muss auch den Beweis dafür erbringen, dass die Bildung jenseits der Ausbildung sinnvoll ist, dass es sich bei ihr um ein kostbares Gut handelt und nicht um ein verblasenes Versatzstück. Und dieser Nachweis ist gar nicht so einfach.

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