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Bildung : Zwist am Abgrund

  • -Aktualisiert am
  • Es handelt sich nicht nur darum, Praxis oder Theorie zu vermitteln, sondern auch zu erziehen.
    Erich Przywara

Paul Tillich, von dem damals die eigentliche Initiative zu der Serie in der „Frankfurter Zeitung“ ausging, handelte sich den Ärger vieler Kollegen ein, weil er diese letzte Frage entschieden bejahte. Er tat das freilich nicht leichten Herzens, sondern weil er den Eindruck hatte, dass die Universität, wie er sie damals antraf, ohnehin nur Etikettenschwindel betrieb, sie also den über das Fachidiotentum hinausgehende Bildungs- und Forschungsanspruch nur noch als schmuckvolle, aber folgenlose „Fiktion“ aufrechterhielt. Die „Reste des alten Humanismus“ hätten sich in ein paar „Dachkammern“ zurückgezogen, schrieb er, in der Beletage der Universität machten sich die „Berufsvorbildung“ und die fachwissenschaftliche „Forschung“ breit.

Sich an jene „Fiktion“ zu klammern führte Tillich zufolge nur dazu, dass man die bestehenden Probleme verdecke und verdränge. Dass man etwa in den Geisteswissenschaften Lehrer ausbilde, ohne ihnen etwas über die Psychologie der Jugend beizubringen, fand er „grotesk“; er plädierte dafür, den Anforderungen aus der Berufspraxis gerecht zu werden. Vor allem aber ging es ihm darum, eine „humanistische Fakultät“ gewissermaßen als Universität in Schrumpfform und Reinkultur zu schaffen, in der die Fähigkeit zum „radikalen Fragen“ ungehindert zur Entfaltung kommen sollte. In diesem Modell sah Tillich auch einen Beitrag zur Vereinbarkeit von Elite und Demokratie - eine Vorstellung, die anderen Diskutanten, etwa Eduard Spranger, ganz fremd war. Tillichs „Haltung, auch das in Frage zu stellen, worauf wir stehen“, hatte übrigens eine politische Spitze: Die Nationalsozialisten sahen darin ein Beispiel für die vermeintliche „Bodenlosigkeit“ der aufgeklärten Moderne.

  • Die Fiktion einer humanistischen Universität muss aufgelöst werden. Der Humanismus, von dem ich rede und allein reden kann und will, ist ein Humanismus, für den das radikale Fragen sich gerade bezieht auf aktuelle Weltgestaltung. Ein Humanismus der Persönlichkeitskultur ist radikal abzulehnen.
    Paul Tillich

Tillich wollte die Universität zerschlagen, um sie zu retten. Einen ähnlichen Vorschlag hatte übrigens vor Tillich schon der Philosoph Max Scheler unterbreitet. Viel später, in den 1990er Jahren, sollte Jürgen Mittelstraß auf eigene Faust ähnliche Ideen propagieren. Allerdings wollte Tillich zwischen der neuen, kleinen, feinen Universität und den massiv ausgeweiteten Fachhochschulen durchaus Brücken bauen. Die Bildung sollte zur Ausbildung hinzutreten, „sämtliche Studenten der Fachhochschule“ sollten einzelne Veranstaltungen aus dem Bereich des „humanistisch-wissenschaftlichen“ Vorlesungswesens belegen. Ob dieser Balanceakt gelingen könne, war unter den Diskutanten der „Frankfurter Zeitung“ umstritten. Der Jurist Hans Fehr befürchtete eine „Zerreißung der gebildeten Volksschicht“.

Zahl, Größe und Fächerspektrum der Universitäten sind seit dem Jahr 1931 drastisch gestiegen. Man könnte sagen: Sie wachsen und gedeihen. Von Tillich her fällt ein Schatten auf diese Blüte. Da es zur Etablierung der von Tillich - wie auch immer angelegten - humanistischen Universität nicht gekommen ist, kann man kurzerhand behaupten, dass es heute überhaupt keine Universitäten mehr gibt, sondern nur noch Fachhochschulen. Es wäre lebensgefährlich, diese bösartige Diagnose als Übertreibung abzutun. Und es wäre fahrlässig, die Universität für unheilbar krank zu halten.

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