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Bildung : Zwist am Abgrund

  • -Aktualisiert am
  • Im Geistigen steht uns ein Zeitalter der Restauration bevor, falls wir nicht ganz versinken. Zu bekämpfen sind alle Tendenzen, die Durchschnittlichkeit der Mehrheit geistig zu versorgen.
    Karl Jaspers

Die Frage, die beim Blick zurück zuallererst ins Auge sticht, ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Ausbildung und Bildung. Sie stellte sich seinerzeit mit ungewohnter Schärfe. Erst damals brach sich jene Spezialisierung und Verwissenschaftlichung des Studiums Bahn, an die man sich inzwischen längst gewöhnt hat; als Paradebeispiel diente seinerzeit die sich aller Quacksalberei entledigende Medizin.

Der allgemeine Aufstieg der Ausbildung wurde freilich mit Sorge zur Kenntnis genommen. Paul Tillich befürchtete, dass die Spezialisierung zu einer „antihumanistischen Struktur“ der Universität führen könne. Jaspers’ Verdikt lautete, eine reine Berufsausbildung sei „geistlos“ und bleibe „unmenschlich, wenn sie nicht auf das Ganze“ ziele. Man kann in dieser Warnung eine Vorwegnahme der These von der „Banalität des Bösen“ erblicken, die seine Schülerin Hannah Arendt als Beobachterin des Prozesses gegen Adolf Eichmann aufstellte. Heute stellt sich die Frage, wo die universitas noch lebendig ist, wenn sich jeder in seiner klitzekleinen scientific community abstrampelt.

  • Die Stellung, die die deutschen Universitäten einnehmen, ist nur daher zu verstehen, dass Bildung bei uns nicht eine national einigende, sondern eine sozial differenzierende Bedeutung besessen hat.
    Hermann Herrigel

Neben die kontrollierte Offensive der Ausbildung trat damals eine unkontrollierte Defensive der Bildung. Deren Gehalt stand nach dem Kollaps „übergeordneter“ Gewissheiten (Siegfried Kracauer) zur Disposition. Unverdrossen sah der Jesuitenpater Erich Przywara die Aufgabe der Universität darin, die Studenten über Wissensvermittlung hinaus zu „erziehen“. Manchen - wie Eduard Spranger - erschien dies unabdingbar. Anderen - wie Ernst Bloch - war dies unheimlich, weil sich damit ein Einfallstor für ideologische Indoktrination öffnete. Selbst der sonst um keine Schwülstigkeit verlegene Jaspers warnte vor dem Kult eines „verschwommenen Bildungsideals“. Heute streichen die meisten Universitäten um ein solches Ideal herum wie die Katze um den heißen Brei.

Als Ideal und als Institution war die Universität seinerzeit ins Schwanken geraten. Die Diskutanten bewegten sich in der dünnen Luft des Geistes, sie landeten aber auch auf dem Boden der Tatsachen. Dieses Auf und Ab kam darin zum Ausdruck, dass man die Leitfrage der Serie „Gibt es noch eine Universität?“ mit zwei verschiedenen Betonungen las und in zwei Fragen unterteilte. Die erste Frage zielte auf das Ideal: „Gibt es noch eine (wirkliche) Universität“ - also eine Institution, die diesen Namen verdient? Die zweite Frage war ganz pragmatisch: „Gibt es noch eine (einzige) Universität?“ Dahinter steckte der Befund, dass verschiedene Studiengänge mit spezifischen Fach- und Berufsprofilen weitgehend isoliert nebeneinander herliefen. Es erschien demnach konsequent, verschiedene Bildungseinrichtungen zu schaffen und viele der bestehenden Studiengänge aus der Universität auszugliedern. Sollte die Universität vielleicht zur Ausnahme von der Regel der Fachhochschule werden?

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