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Bildung : Zwist am Abgrund

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Hier eine Auswahl. Der Breslauer Jurist Ludwig Waldecker schlug einen „zweistufigen Aufbau“ des Studiums vor (Bachelor/Master?). Der Religionsphilosoph Paul Tillich empfahl die Zusammenlegung von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Karlsruhe Institute of Technology?). Auch forderte er eine Ergänzung des Fachstudiums durch Seminare an der „humanistischen“ Fakultät (Studium generale? Studium fundamentale? Kontextstudium?). Der Pädagoge Eduard Spranger empfahl die Einrichtung einer „College-artigen“ Grundstufe (Leuphana Universität?). Der Philosoph Karl Jaspers und der Ökonom Emil Lederer forderten die Beschäftigung zusätzlicher „Lektoren“ (Lehrprofessoren? Lehrknechte?). Jaspers wollte die „Elite“ vor der „Durchschnittlichkeit der Mehrheit“ schützen und eine „Reichsuniversität“ einrichten (Bundesuniversität?); bei Georg Swarzenski, dem Generaldirektor der Frankfurter Museen, hieß dies „ein deutsches Oxford“. Eduard Spranger und der katholische Publizist Theodor Haecker sahen die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der Traditionspflege, Tillich und Lederer dagegen in der „aktuellen Weltgestaltung“. FZ-Redakteur Siegfried Kracauer wollte verhindern, dass die Universität fern von der Welt „verdorre“. Ernst Bloch fand die Lage ausnahmsweise ziemlich hoffnungslos, sah in der humanistischen Vernunft nurmehr eine „Attrappe“, beklagte deren „wirtschaftsliberale Tendenzen“ und erwartete den wahren Fortschritt von den „technisch-rationalen Fächern“. Ziemlich einig war man sich in der Sorge um Überfüllung: Der Frankfurter Rektor Erwin Madelung fand die Universität „entsetzlich aufgeschwollen“; er stritt mit seinen Kollegen darüber, ob man sie klein und fein halten oder aber massiv ausbauen solle.

  • Man vergesse aber auch nicht: eine wirkliche Reform ist in erster Linie eine Frage des Geldbeutels.
    Ludwig Waldecker

Das Arsenal der aktuellen Universitätsdebatte kann mit der achtzig Jahre alten Munition aus der „Frankfurter Zeitung“ fast vollständig bestückt werden. Man mag dies deprimierend oder tröstlich finden: Wunsch und Wirklichkeit, universitäre Ideale und Institutionen sind sich über alle Bürokratien, Katastrophen, Revolten und Reformen hinweg auf geradezu störrische Weise treu geblieben. Bei Karl Jaspers heißt es einmal: „In einem Bildungsideal endgültig geprägt zu sein, ist wie der Tod.“ Er ergänzte überraschenderweise, dass dieser Tod „ein schöner“ sei, „für den sich zu begeistern eine Verführung ist“. Hat sich dieser schöne Tod nun in ein jahrzehntewährendes Siechtum verwandelt?

Angesichts der frappanten Korrespondenz zwischen damals und heute könnte man geneigt sein, die Universitätsreform zur Sisyphusarbeit zu erklären, in der sich die ewiggestrige oder ewige Anrufung hehrer Bildungsgüter bis zum Abwinken oder Erbrechen wiederholt. Doch zu beobachten ist nicht nur eine ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern ein permanenter Umbau. So profitiert man auch beim aktuellen Umbau der Universität vom Rückblick auf die alten Texte. Sie bieten die kostbare Gelegenheit zur Selbstprüfung. Der Blick zurück ist wie der Blick in einen fernen Spiegel, in dem sich alle Phänomene - den optischen Gesetzen zum Trotz - übergroß abzeichnen. Man sieht die Lage schärfer, man erkennt die Aufgaben deutlicher.

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