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Bildung : Alles Lernen war mir Leben

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Bild: Cunitz, Sebastian

Viel Licht, länger werdende Schatten: Deutschlands Bildungswesen ein halbes Jahrhundert nach Pichts Katastrophenruf.

          12 Min.

          Vor 50 Jahren, 1964, veröffentlichte Georg Picht sein Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“. Mit dieser Sammlung von Artikeln, die vorher in der Wochenzeitung „Christ und Welt“ erschienen waren, zeichnete er ein düsteres Bild vom Zustand des deutschen Bildungswesens: zu wenig Abiturienten, zu geringe Ausgaben für die Bildung, zu große Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Knaben und Mädchen, Bürger- und Arbeiterkindern. Der Altphilologe und Leiter des Internatsgymnasiums Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald forderte, die Zahl der Abiturienten müsse sich verdoppeln, und er machte zugleich die Rechnung für die Hochschulen auf: Um die Pädagogenlücke zu schließen, müssten (vorübergehend) fast alle Hochschulabsolventen Lehrer werden.

          Pichts Katastrophenruf war der Auftakt für einen umfassenden Ausbau der weiterführenden Schulen und der Hochschulen - in Deutschland, aber auch in Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz. Die Expansion dauerte zwei Jahrzehnte lang, ehe sie Mitte der achtziger Jahre, im Zeichen des Geburten- und Schülerrückgangs, allmählich an Schwung verlor. Neue Schulen, neue Hochschulen, mehr Abiturienten, Studenten, Lehrer, Hochschullehrer, mehr und bessere Bildung für immer mehr Menschen: das war die ebenso einfache wie einleuchtende Parole.

          Zumindest äußerlich und quantitativ kann sich das Ergebnis sehen lassen. 1964 gab es in der Bundesrepublik etwa 50 000 Studienberechtigte, 2014 sind es (mit den neuen Ländern) rund 370 000. Lehrer gab es 1964 knapp 300 000; heute ist die Zahl auf das mehr als Doppelte gestiegen. Die regionale Verteilung der Bildungschancen hat sich verbessert; es gibt heute weiterführende Schulen ebenso in ländlichen Gebieten wie in Städten. Endlich stiegen auch die Bildungsausgaben: 1964 gaben Bund, Länder und Gemeinden für Bildung, Wissenschaft und Kultur etwa 20 Milliarden Mark aus; heute sind es rund 170 Milliarden Euro im Jahr.

          Weit mehr Schüler gingen nun in Realschulen, Gymnasien und Berufsschulen - allmählich eine Mehrheit der Schulbevölkerung, während 1964 noch 70 Prozent die Hauptschule besucht hatten. Lernmittelfreiheit und kostenfreier Schulweg wurden eingeführt. Kindergärten, Schulen, Hochschulen, alles expandierte; es gibt wohl außerhalb der gleichfalls gewachsenen Sozialleistungen kein Tätigkeitsfeld des Staates, das in den vergangenen Jahrzehnten stärker und breiter ausgebaut wurde als das Bildungswesen.

          Picht war nicht der Erste, der auf die Bedeutung schulischer Bildung für die Jugendlichen verwies. Erstmals erfasste eine pädagogische Bewegung den ganzen Erdball. Während zahlreiche Entwicklungsländer den Schritt zu Schriftkultur und Alphabetisierung taten, weitete sich in den entwickelten Ländern das Bildungswesen aus wie nie zuvor. Den stärksten Anstoß gab der sogenannte Sputnikschock. Dass es den Russen 1957 erstmals gelang, einen künstlichen Satelliten in eine Umlaufbahn um die Erde zu schießen, führte zu nachhaltigen Diskussionen und zu politischen Reaktionen in der amerikanischen Öffentlichkeit. Große Schul- und Hochschulreformen kamen in Gang. Indirekt waren auch die europäischen Bildungsreformen, die in den frühen sechziger Jahren begannen, eine Antwort auf den gesteigerten Wettlauf und Wettbewerb der Supermächte. Die Strukturen, die unsere heutige Schul- und Hochschulpolitik bestimmen, sind allesamt in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt worden.

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