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Beschneidung : Ritual, Trauma, Kindeswohl

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Bild: AP

Das Verschweigen wie auch das rationalisierende Herunterspielen möglicher körperlicher und seelischer Schäden durch die Beschneidung der weiblichen Genitalien ist mittlerweile passé. Über die Problematik der Beschneidung von männlichen Säuglingen und Kindern wird aus Respekt vor religiösen oder kulturellen Tabus und aus Angst vor möglichen Konflikten bislang vorwiegend in Fachkreisen diskutiert. So kann es nicht bleiben.

          Die Beschneidung der Vorhaut ist der älteste und am häufigsten durchgeführte operative Eingriff überhaupt. Lediglich bei vier Prozent der Jungen besteht eine medizinische Indikation zur Zirkumzision. Die Genitalbeschneidung von männlichen Säuglingen und Kindern wird in Deutschland zumeist aus rituellen Gründen praktiziert. Im Gegensatz zur weiblichen Genitalbeschneidung besteht für psychotraumatische Aspekte und mögliche Langzeitfolgen weithin kein Problembewusstsein. Ähnlich wie bei anderen typisch männlichen Gesundheitsrisiken, wie der erhöhten Suizidrate, dem frühen Herztod oder der verringerten Lebenserwartung, fehlt auch in Bezug auf die leidvollen Aspekte der Genitalbeschneidung von Jungen eine entsprechende Sensibilität. Die Ausblendung des sexuellen Gewaltaspektes bei der rituellen Zirkumzision von Jungen wird erleichtert durch die, verglichen mit der Genitalbeschneidung von Mädchen, weitaus geringere Organschädigung. Darüber hinaus erscheint das klaglose Eingehen und Ertragen von Gesundheitsrisiken bis heute als ein konsensfähiger Kernaspekt männlichen Rollenverhaltens.

          Gleichwohl stellt die Entfernung der Vorhaut im Säuglings- oder Kindesalter ein Trauma dar und kann zu andauernden körperlichen, sexuellen oder psychischen Komplikationen und Leidenszuständen führen. Über diese Problematik wird aus Respekt vor religiösen oder kulturellen Tabus und aus Angst vor möglichen Konflikten bislang vorwiegend in Fachkreisen diskutiert. So kann es nicht bleiben.

          Die vorgeschichtlichen Hintergründe der männlichen Genitalbeschneidung sind Gegenstand anthropologischer und kulturgeschichtlicher Forschung. Allerdings bewegt sich mangels hinreichender Belege vieles im Raum der Spekulation. Wahrscheinlich war diese Beschneidung schon in prähistorischen Zeiten weit verbreitet. Das an Jungen oder jugendlichen Männern vollzogene Beschneidungsritual könnte in Jägerkulturen als männlicher Initiationsritus der sozialen Aggressionskontrolle gedient haben. Die mit der Erlaubnis zur Jagd erforderliche Überwindung der Tötungshemmung bedingt eine Aggressionsfreisetzung, vor der die Bezugsgruppe geschützt werden muss. Die Kontrolle aggressiver (und sexueller) Impulse innerhalb der Gruppe könnte durch die rituelle Kastrationsandrohung erleichtert worden sein, wenn sich die kindlich erlittenen Ängste und Schmerzen an das Verbot von Grenzüberschreitungen gegenüber Gruppenmitgliedern knüpften.

          Durch ein demonstratives, öffentlich wiederholtes Ritual mit Drohpotential wird ein Phantasieraum erschlossen, in dem Kastration als Strafe vielleicht doch möglich ist. Die rigide patriarchalisch geprägte Loyalität, die durch dieses Ritual erzeugt wurde, diente einerseits also wohl der sozialen Triebkontrolle, andererseits der Herausbildung einer Gruppenidentität. Darüber hinaus könnte die schmerzliche Entfernung der archaisch als „weiblich“ imaginierten Vorhaut auch der von der Mutter trennenden Initiation zum Mann einschneidenden Ausdruck verliehen haben.

          Altägyptische Quellen belegen die Jünglingsbeschneidung. Möglicherweise ersetzte die männliche Genitalbeschneidung auch im Sinne einer Körpertrophäe die Tötung oder Kastration des Feindes, diente vielleicht auch zur Kennzeichnung von Sklaven. Im Judentum erscheint die am achten Lebenstag des neugeborenen Jungen vorgeschriebene Genitalbeschneidung religionsgeschichtlich als eine zivilisatorisch fortschrittliche Minderform des archaischen Opfers des erstgeborenen Sohnes, das im spätbronzezeitlichen Kulturkreis des südöstlichen Mittelmeerraumes ebenfalls am achten Tage zu erbringen war. „Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch . . . eure Vorhaut sollt ihr beschneiden . . . Jedes Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen“, heißt es im 17. Kapitel der Genesis.

          Das Opfer der männlichen Erstgeburt, das auch in der Geschichte von der Tötung der ägyptischen erstgeborenen Kinder vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten oder der Opferung Isaaks durch Abraham anklingt, wurde im späteren Judentum unter Strafe gestellt und durch das Tieropfer (wie auch im Islam tradiert) abgelöst.

          Bis heute beziehen sich die abrahamitischen Religionen - Judentum, Christentum, Islam - auf den Topos des heiligen Blutopfers, speziell des Sohnesopfers, welches in verschiedenen Varianten und Opferpraktiken abgeschwächt oder transformiert wurde, in der kulturellen Latenz aber weiter wirksam ist. Als ethnisch exklusives Zeichen göttlicher Verbundenheit und Opferbereitschaft dient die Beschneidung neugeborener Jungen im Judentum als transgenerational festlich tradierte, verletzende und bleibende Körpereinschreibung auch der verpflichtenden Festigung der gruppal-religiösen Identität: „Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat“, heißt es bedrohlich im Buch Genesis.

          Die Forschung zeigt, dass die Erfahrung elterlicher Gewalt während der Kindheit Brüche in der emotionalen Wahrnehmung und Empathiefähigkeit des später erwachsenen Kindes bewirken kann. Kindheitlich erfahrene Traumata können verinnerlicht und später auch selber wiederholt werden. Kollektiv rituell vermittelte traumatische kindliche Erfahrungen können daher zu Empathiebrüchen führen und zu gruppalen Überzeugungen mit Abwehrfunktion organisiert werden. Dadurch kann die Einfühlung in das Erleben der nächsten Opfer desselben Rituals beeinträchtigt werden: Es kann und darf nicht schlecht gewesen sein, was die Eltern damals mit mir gemacht haben. Deshalb tue ich es auch.

          Ein solcher traumatisch bedingter Empathiebruch kann aufgrund hoher Eigenbetroffenheit auch die Ängste der eigenen Kinder (zum Beispiel vor der Beschneidung) betreffen und so zu einer Fortsetzung der rituellen Praxis führen, insbesondere wenn diese für Kohäsion und Identität der sozialen Bezugsgruppe wichtig ist. Kollektive Überzeugungen und Rituale werden gruppal also besonders dann unreflektierbar tradiert, wenn der elterliche Gewaltaspekt des betreffenden Rituals aus eigenen Abwehrbedürfnissen heraus verleugnet werden muss. Dann kann das emotionale Erleben von Angst und Schmerz des kindlichen Opfers von den handelnden Erwachsenen nicht mehr empathisch erfasst werden, und eine Täter-Opfer-Kette kann sich transgenerational über lange Zeiträume hinweg etablieren. Eine deutsche Variante, noch gar nicht so lange her: Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet.

          Ärztliches Handeln ist auf wissenschaftlicher Grundlage allein dem Wohl des individuellen Patienten verpflichtet und muss zuallererst Schaden von diesem abwenden. Rituell geforderte körperlich invasive Eingriffe, insbesondere gegenüber nicht einwilligungsfähigen Personen, und ärztliches Handeln schließen sich per se aus.

          Die Begründung der rituellen Jungenbeschneidung wird aber auch beherrscht von offensiv formulierten hygienisch-medizinischen und religiösen Vorstellungen. Herangezogen wird auch das Grundrecht auf freie Religionsausübung: Der körperverletzende Beschneidungsritus wird dann mit religiösen Gesetzen und Traditionen begründet, welche auf die Absicherung der religiösen Identität und ein gottgefälliges Verhalten zielen.

          Vorbilder im Judentum und Islam sind der beschnittene religiöse Erzvater Abraham oder der schon vorhautlos geborene Prophet Mohammed. Denen, die diesen Vorbildern folgen, werden außerordentliche Gratifikationen in Aussicht gestellt, wie die Zugehörigkeit zu einer besonderen göttlichen Bundesgemeinschaft oder jenseitige Freuden. Im Koran selber findet das Beschneidungsgebot übrigens keine Erwähnung. Die säkulare Variante der Säuglingsbeschneidung, die vor allem in den Vereinigten Staaten praktiziert wird, soll angeblich hygienisch-medizinische Vorteile haben. Es existieren jedoch keine wissenschaftlichen Begründungen dafür, die Durchführung der männlichen Genitalbeschneidung nicht auf ein Lebensalter zu verschieben, in dem der Betroffene sich möglichst frei von kindlichen Ängsten eine eigene Meinung bilden und selbst entscheiden kann, ob eine Genitalbeschneidung in Frage kommt oder auch nicht.

          Im Gegensatz dazu ist der Schutzanspruch des Kindes vor jeglicher Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung sowie die Achtung seiner Würde und körperlichen Integrität als ethischer Standard juristisch und wissenschaftlich heute gut begründbar. Man tut Kindern nicht weh, man macht ihnen keine Angst. Die Entwicklung dieser Idee begann in Europa 1693 mit John Lockes Schrift „Gedanken über Erziehung“, führte über die Kinderschutzgesetze gegen Ende des 19. Jahrhunderts in England schließlich hin zur UN-Kinderrechtskonvention von 1990 und erst im Jahr 2000 auch in Deutschland zum gesetzlich verankerten Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung. Demnach sind körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen durch die Eltern unzulässig.

          Anthropologische und kulturhistorische Betrachtungen zur Entstehung und möglichen Funktion des archaischen Beschneidungsrituals sind zu trennen von der empathischen Perspektive, die einzunehmen ist, wenn es um mögliche Folgen der rituellen Beschneidung für das Erleben und die Entwicklung der betroffenen Jungen geht. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht der Zeitpunkt der Durchführung von großer Bedeutung. Abhängig vom kindlichen Entwicklungsstadium zum Zeitpunkt des Eingriffes und dessen traumatischer Qualität sind psychotraumatische Folgen bis ins Erwachsenenalter möglich.

          Die im Körpergedächtnis konservierten Schmerzen selbst der Neugeborenenbeschneidung sind als überschießende Stressantwort auf nachfolgende Impfungen noch nach einem Jahr nachweisbar. Die rituelle Beschneidung fünf- bis siebenjähriger Jungen kann eine angstfreie Konsolidierung ihrer sexuellen Identität erschweren. In traumatisch erlebten Fällen können Störungen der Sexualfunktionen und spätere Partnerkonflikte resultieren. Im Gegensatz zum Säugling verfügt das Kind im Schulalter über differenziertere Wahrnehmungsmöglichkeiten für Beziehungen, Fakten und Vorgänge. Andererseits ist es aber noch bestimmt von wahrnehmungsverzerrenden kindlich-triebhaften Phantasien und Ängsten, weshalb es auf den empathischen Schutz durch seine Eltern angewiesen ist.

          Dies gilt auch für das Erleben der eigenen Beschneidung während der Konsolidierungsphase der sexuellen Identitätsentwicklung. Aus psychoanalytischer Sicht könnte die rituelle Beschneidung des Gliedes kleiner Jungen im Alter von etwa fünf bis sieben Jahren eine kollektive sexualtraumatische Erfahrung darstellen, die besonders in patriarchalisch geprägten Kulturen eine der Ursachen der starken sozialen Kontrolle der Sexualität (zum Beispiel Geschlechtertrennung, Ehestiftungen, starke Sanktionierung des Ehebruchs), der Kontrolle der Frau (Verhüllung zur Vermeidung aufreizenden Verhaltens, tendenzielle Beschränkung auf den häuslichen Bereich, Beaufsichtigung durch männliche Verwandte) und eines prononcierten männlichen Ehrbegriffes sein könnte. Das traumatische Potential dieses Rituals mag in patriarchalischen Gesellschaften eine Stabilisierung der Machtstrukturen und familialen Bezüge bewirken. Aus psychoanalytischer Sicht resultiert aus dieser definitiven Klarstellung hierarchischer Bezüge eine durch starke Ängste (vor dem ultimativen Schnitt) fundierte patriarchalische Loyalität.

          Dass die Beschneidung des Jungen auf dem Höhepunkt der infantilen Sexualentwicklung besondere Entwicklungsrisiken mit sich bringen kann, erscheint zumindest plausibel. Die Beschneidung kann von Jungen, die sich in dieser Phase zunehmend auf ihre Genitalität zentriert erleben, wie eine elterlich herbeigeführte schwere Sanktion oder Kastrationsdrohung erlebt werden. Der schmerzlich-traumatische Eingriff erfolgt unverstellt, bewusst wahrnehmbar und unter direktem Zugriff auf den libidinös und narzisstisch hoch besetzten Genitalbereich. Der ängstigende Gewaltaspekt unterliegt dabei einer bemerkenswerten Verleugnung durch die beteiligten Erwachsenen. Er wird rationalisiert als festlich und forciert freudig gestalteter Männlichkeitsritus. Der kleine Junge, der ja in keiner Weise an der Schwelle zum Mannesalter steht, wird mit hypermaskulinen Attributen und großen Geschenken zum Mann erklärt, eigentlich aber von Erwachsenen manipuliert.

          Neben psychotraumatischen Langzeitfolgen kann die Zirkumzision schwerwiegende medizinische Komplikationen nach sich ziehen. Die Häufigkeit postoperativer Komplikationen unter Beachtung medizinischer Standards liegt bei zwei Prozent. Anderen Untersuchungen zufolge schwanken die Raten zwischen null und 16 Prozent in Abhängigkeit von den professionellen Bedingungen. Darüber hinaus bestehen Risiken durch Narkosezwischenfälle bis hin zu Gehirnschäden und Tod.

          Eine Fülle rechtfertigender Begründungen der Beschneidung beziehen sich auf hygienische oder gesundheitliche Risiken. Dabei scheint die Phantasie, die auf die Findung angeblicher medizinischer Vorteile der rituellen Frühbeschneidung verwendet wird, die Bemühungen weit zu übersteigen, sich angesichts drohender Verletzungen des Intimbereiches in die Erlebniswelt des Kindes einzufühlen. Frühere medizinische Argumente bezogen sich auf die gesundheitsförderliche Verhütung von Masturbation, Hysterie oder Epilepsie. Heute werden die Vorbeugung von (sehr seltenen) Entzündungen der kindlichen Harnwege und von (noch selteneren und spät auftretenden) Peniskarzinomen aufgrund besserer hygienischer Verhältnisse nach Zirkumzision propagiert, wobei heutige Standards eine effektive Genitalhygiene auch ohne operativen Eingriff ermöglichen und die Erkrankungswahrscheinlichkeiten so gering sind, dass sie unterhalb der Komplikationsrate des Beschneidungseingriffs liegen. Weiterhin wird die durch die Vorhautbeschneidung möglicherweise erschwerte Übertragung sexuell übertragbarer Infektionen angeführt. Diese Argumente besitzen häufig keine empirische Basis. Am besten gesichert ist die infektionsprophylaktische Wirkung der Vorhautbeschneidung für HIV. Aktuell liegen drei afrikanische Bevölkerungsstudien mit jugendlichen und erwachsenen heterosexuellen Männern vor. Es zeigte sich eine bedeutsame Reduktion der Neuinfektionen im Vergleich zur unbeschnittenen Kontrollgruppe. Die Komplikationsrate der Zirkumzision lag zwischen 1,7 und 7,6 Prozent. Allerdings können diese Studien nicht zur Rechtfertigung einer rituellen Beschneidung sexuell noch gar nicht aktiver Jungen oder gar Neugeborener herangezogen werden - das Alter der jüngsten in die Stichprobe eingeschlossenen Jugendlichen betrug 15 Jahre.

          Das Alter des Kindes, ab dem von einer Einwilligungs- und Einsichtsfähigkeit in die Tragweite des Eingriffs ausgegangen werden kann, ist in Deutschland umstritten. Ein Urteil des Landgerichtes Frankenthal aus 2004 spricht einem neun Jahre alten Kind die Einwilligungsfähigkeit ab, eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main aus 2007 orientiert sich am Alter der Religionsmündigkeit von 12 Jahren. Diese Rechtsauffassung wird von Juristen kritisiert, da die reversible Entscheidung für eine bestimmte Religion nicht mit der Entscheidung für eine irreversible körperliche Verletzung zu vergleichen sei. Auch sei im Alter von 12 Jahren nicht sichergestellt, dass eine Entscheidung autonom erfolgt und nicht elterliche Überzeugungen aufgrund kindlicher Loyalität lediglich formelhaft als eigene ausgegeben würden.

          Diese Juristen beurteilen eine rituelle Beschneidung nur dann als rechtlich zulässig, wenn sie mit der Einwilligung des zu Beschneidenden einhergeht. Sie sehen eine Einwilligungsfähigkeit nicht vor Vollendung des 16. Lebensjahres und empfehlen eine Einholung der Einwilligung des Jugendlichen. Sie warnen vor Schadensersatzprozessen von Erwachsenen, die als Kinder beschnitten wurden und mit dem Resultat der Beschneidung nicht einverstanden sind, vorgetragen gegen die ehemalig handelnden Ärzte oder auch Eltern. In der Literatur wird ein Fall beschrieben, in dem ein Vater ohne Kenntnis der allein sorgeberechtigten Mutter seinen 12-jährigen Sohn beschneiden ließ und dieser dann ein erhebliches Schmerzensgeld erfolgreich von seinem Vater einklagte.

          Der bekannte Kritiker der Beschneidungspraxis in Deutschland, der Passauer Strafrechtler Holm Putzke, argumentiert: „Wer eine Zirkumzision an einem Kind vornimmt (gleichgültig, ob es sich etwa um einen Arzt oder einen Mohel oder Sünnetci handelt), braucht, um die Verletzung des Körpers gerechtfertigt vorzunehmen, eine wirksame Einwilligung der Personensorgeberechtigten. Sie ist nur dann wirksam, wenn über das betroffene Rechtsgut disponiert werden darf, wobei das ,Wohl des Kindes’ ausschlaggebendes Kriterium ist. Nicht im ,Wohl des Kindes’ liegt eine Zirkumzision, wenn sie medizinisch nicht notwendig ist. Dazu zählen nicht nur hygienisch und ästhetisch motivierte Zirkumzisionen, sondern auch religiöse Beschneidungen. Wer einen Minderjährigen ohne medizinische Indikation zirkumzidiert, wenn etwa allein hygienische, ästhetische oder religiöse Gründe vorliegen, macht sich strafbar nach § 223 StGB.“ Diese Sichtweise wurde durch ein aktuelles Urteil des Kölner Landgerichts im Juni 2012 bestätigt.

          Das Verschweigen wie auch das rationalisierende Herunterspielen möglicher körperlicher und seelischer Schäden durch die Beschneidung der weiblichen Genitalien sind mittlerweile Vergangenheit. Weibliche Genitalverstümmelung wird in Deutschland obligatorisch strafrechtlich verfolgt. Bei der männlichen Genitalbeschneidung ist das nicht der Fall. In Schweden ist die rituelle Genitalbeschneidung von Jungen ohne medizinische Indikation jenseits des Alters von zwei Monaten gesetzlich hingegen verboten. Ansonsten besteht weithin eine bemerkenswerte Indifferenz und Unsicherheit in der ethischen Beurteilung der männlichen Genitalbeschneidung im Kindesalter als Verletzung des kindlichen Menschenrechts auf einen unversehrten Körper auch und gerade im Bereich der sexuellen Sphäre.

          Demgegenüber ist die fachgerecht ärztlich durchgeführte Beschneidung bei einem volljährigen, einwilligungsfähigen Mann aus medizinischen Gründen oder auch auch aufgrund persönlicher ästhetischer, sexueller, hygienischer oder ritueller Präferenzen nach vollständiger Aufklärung über mögliche Risiken juristisch unproblematisch. Der Eingriff soll auf der Grundlage guter klinischer Praxis unter sterilen operativen Bedingungen unter Analgesie, Anästhesie und Nachbeobachtung von einem fachlich versierten Arzt durchgeführt werden. Eine Erstattung der Kosten, die für den ärztlichen Eingriff anfallen, erfolgt durch die Krankenkassen jedoch nur, wenn eine medizinisch begründete Indikation für eine Operation vorliegt.

          Handelt es sich bei dem erkrankten Patienten um ein minderjähriges Kind, müssen die sorgeberechtigten Eltern eine Einwilligung für den Eingriff erteilt haben. Bei einem Jugendlichen ab zwölf Jahren, spätestens ab 16 Jahren, sollte aber in jedem Falle zusätzlich ein Einwilligungsvotum des Patienten in einem getrennt von den Eltern stattfindenden Aufklärungsgespräch eingeholt und dokumentiert werden.

          Soll an einem nicht einsichtsfähigen minderjährigen Kind ohne Vorliegen einer medizinischen Behandlungsindikation auf Verlangen eines Sorgeberechtigten zum Beispiel unter Angabe von religiösen Gründen eine medizinisch nicht indizierte rituelle Beschneidung vorgenommen werden, ist dies seitens des Arztes abzulehnen, da eine solche Maßnahme nicht dem Kindeswohl entspricht. Handelt es sich um einen mindestens 16-jährigen Jugendlichen, der mit der Durchführung der Beschneidung sicher einverstanden ist, könnte die Durchführung des Eingriffs erwogen werden. Bei jüngeren Kindern sollten die Eltern alternativ darum gebeten werden, die Beschneidung ihres Kindes so lange zu verschieben, bis es sich selber rechtlich wirksam dafür (oder dagegen) entscheiden kann. Ein Beispiel hierfür gab übrigens der Urvater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der als Jude seinen Söhnen die Beschneidung ersparte.

          Wird gleichwohl, zum Beispiel um eine elterlich beabsichtigte Beschneidung des Kindes unter riskanten Bedingungen zu verhüten, eine Beschneidung des Jungen ohne dokumentierte medizinische Indikation durchgeführt, geht der handelnde Arzt heute rechtliche Risiken ein, wenn das operierte Kind später auf Schmerzensgeld oder Schadensersatz aufgrund von Körperverletzung, Funktionsstörungen oder psychosomatischen Beeinträchtigungen klagt. Eine obligatorische staatsanwaltliche Strafverfolgung wie im Falle einer Beschneidung weiblicher Genitalien erfolgt jedoch in Deutschland nicht. Eine höchstrichterliche Klärung der kontrovers diskutierten Rechtsfragen im Zusammenhang mit der rituellen Vorhautbeschneidung ist angesichts des erheblichen Konfliktpotenzials wahrscheinlich und wünschenswert. Hierbei sollten nicht nur die Bedürfnisse von Erwachsenen, sondern auch die körperlichen und seelischen Risiken für das Kind und dessen Erlebnisverarbeitung Berücksichtigung finden.

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