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Beschneidung : Ritual, Trauma, Kindeswohl

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Demgegenüber ist die fachgerecht ärztlich durchgeführte Beschneidung bei einem volljährigen, einwilligungsfähigen Mann aus medizinischen Gründen oder auch auch aufgrund persönlicher ästhetischer, sexueller, hygienischer oder ritueller Präferenzen nach vollständiger Aufklärung über mögliche Risiken juristisch unproblematisch. Der Eingriff soll auf der Grundlage guter klinischer Praxis unter sterilen operativen Bedingungen unter Analgesie, Anästhesie und Nachbeobachtung von einem fachlich versierten Arzt durchgeführt werden. Eine Erstattung der Kosten, die für den ärztlichen Eingriff anfallen, erfolgt durch die Krankenkassen jedoch nur, wenn eine medizinisch begründete Indikation für eine Operation vorliegt.

Handelt es sich bei dem erkrankten Patienten um ein minderjähriges Kind, müssen die sorgeberechtigten Eltern eine Einwilligung für den Eingriff erteilt haben. Bei einem Jugendlichen ab zwölf Jahren, spätestens ab 16 Jahren, sollte aber in jedem Falle zusätzlich ein Einwilligungsvotum des Patienten in einem getrennt von den Eltern stattfindenden Aufklärungsgespräch eingeholt und dokumentiert werden.

Soll an einem nicht einsichtsfähigen minderjährigen Kind ohne Vorliegen einer medizinischen Behandlungsindikation auf Verlangen eines Sorgeberechtigten zum Beispiel unter Angabe von religiösen Gründen eine medizinisch nicht indizierte rituelle Beschneidung vorgenommen werden, ist dies seitens des Arztes abzulehnen, da eine solche Maßnahme nicht dem Kindeswohl entspricht. Handelt es sich um einen mindestens 16-jährigen Jugendlichen, der mit der Durchführung der Beschneidung sicher einverstanden ist, könnte die Durchführung des Eingriffs erwogen werden. Bei jüngeren Kindern sollten die Eltern alternativ darum gebeten werden, die Beschneidung ihres Kindes so lange zu verschieben, bis es sich selber rechtlich wirksam dafür (oder dagegen) entscheiden kann. Ein Beispiel hierfür gab übrigens der Urvater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der als Jude seinen Söhnen die Beschneidung ersparte.

Wird gleichwohl, zum Beispiel um eine elterlich beabsichtigte Beschneidung des Kindes unter riskanten Bedingungen zu verhüten, eine Beschneidung des Jungen ohne dokumentierte medizinische Indikation durchgeführt, geht der handelnde Arzt heute rechtliche Risiken ein, wenn das operierte Kind später auf Schmerzensgeld oder Schadensersatz aufgrund von Körperverletzung, Funktionsstörungen oder psychosomatischen Beeinträchtigungen klagt. Eine obligatorische staatsanwaltliche Strafverfolgung wie im Falle einer Beschneidung weiblicher Genitalien erfolgt jedoch in Deutschland nicht. Eine höchstrichterliche Klärung der kontrovers diskutierten Rechtsfragen im Zusammenhang mit der rituellen Vorhautbeschneidung ist angesichts des erheblichen Konfliktpotenzials wahrscheinlich und wünschenswert. Hierbei sollten nicht nur die Bedürfnisse von Erwachsenen, sondern auch die körperlichen und seelischen Risiken für das Kind und dessen Erlebnisverarbeitung Berücksichtigung finden.

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