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Beschneidung : Ritual, Trauma, Kindeswohl

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Das Alter des Kindes, ab dem von einer Einwilligungs- und Einsichtsfähigkeit in die Tragweite des Eingriffs ausgegangen werden kann, ist in Deutschland umstritten. Ein Urteil des Landgerichtes Frankenthal aus 2004 spricht einem neun Jahre alten Kind die Einwilligungsfähigkeit ab, eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main aus 2007 orientiert sich am Alter der Religionsmündigkeit von 12 Jahren. Diese Rechtsauffassung wird von Juristen kritisiert, da die reversible Entscheidung für eine bestimmte Religion nicht mit der Entscheidung für eine irreversible körperliche Verletzung zu vergleichen sei. Auch sei im Alter von 12 Jahren nicht sichergestellt, dass eine Entscheidung autonom erfolgt und nicht elterliche Überzeugungen aufgrund kindlicher Loyalität lediglich formelhaft als eigene ausgegeben würden.

Diese Juristen beurteilen eine rituelle Beschneidung nur dann als rechtlich zulässig, wenn sie mit der Einwilligung des zu Beschneidenden einhergeht. Sie sehen eine Einwilligungsfähigkeit nicht vor Vollendung des 16. Lebensjahres und empfehlen eine Einholung der Einwilligung des Jugendlichen. Sie warnen vor Schadensersatzprozessen von Erwachsenen, die als Kinder beschnitten wurden und mit dem Resultat der Beschneidung nicht einverstanden sind, vorgetragen gegen die ehemalig handelnden Ärzte oder auch Eltern. In der Literatur wird ein Fall beschrieben, in dem ein Vater ohne Kenntnis der allein sorgeberechtigten Mutter seinen 12-jährigen Sohn beschneiden ließ und dieser dann ein erhebliches Schmerzensgeld erfolgreich von seinem Vater einklagte.

Der bekannte Kritiker der Beschneidungspraxis in Deutschland, der Passauer Strafrechtler Holm Putzke, argumentiert: „Wer eine Zirkumzision an einem Kind vornimmt (gleichgültig, ob es sich etwa um einen Arzt oder einen Mohel oder Sünnetci handelt), braucht, um die Verletzung des Körpers gerechtfertigt vorzunehmen, eine wirksame Einwilligung der Personensorgeberechtigten. Sie ist nur dann wirksam, wenn über das betroffene Rechtsgut disponiert werden darf, wobei das ,Wohl des Kindes’ ausschlaggebendes Kriterium ist. Nicht im ,Wohl des Kindes’ liegt eine Zirkumzision, wenn sie medizinisch nicht notwendig ist. Dazu zählen nicht nur hygienisch und ästhetisch motivierte Zirkumzisionen, sondern auch religiöse Beschneidungen. Wer einen Minderjährigen ohne medizinische Indikation zirkumzidiert, wenn etwa allein hygienische, ästhetische oder religiöse Gründe vorliegen, macht sich strafbar nach § 223 StGB.“ Diese Sichtweise wurde durch ein aktuelles Urteil des Kölner Landgerichts im Juni 2012 bestätigt.

Das Verschweigen wie auch das rationalisierende Herunterspielen möglicher körperlicher und seelischer Schäden durch die Beschneidung der weiblichen Genitalien sind mittlerweile Vergangenheit. Weibliche Genitalverstümmelung wird in Deutschland obligatorisch strafrechtlich verfolgt. Bei der männlichen Genitalbeschneidung ist das nicht der Fall. In Schweden ist die rituelle Genitalbeschneidung von Jungen ohne medizinische Indikation jenseits des Alters von zwei Monaten gesetzlich hingegen verboten. Ansonsten besteht weithin eine bemerkenswerte Indifferenz und Unsicherheit in der ethischen Beurteilung der männlichen Genitalbeschneidung im Kindesalter als Verletzung des kindlichen Menschenrechts auf einen unversehrten Körper auch und gerade im Bereich der sexuellen Sphäre.

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