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Beschneidung : Ritual, Trauma, Kindeswohl

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Dies gilt auch für das Erleben der eigenen Beschneidung während der Konsolidierungsphase der sexuellen Identitätsentwicklung. Aus psychoanalytischer Sicht könnte die rituelle Beschneidung des Gliedes kleiner Jungen im Alter von etwa fünf bis sieben Jahren eine kollektive sexualtraumatische Erfahrung darstellen, die besonders in patriarchalisch geprägten Kulturen eine der Ursachen der starken sozialen Kontrolle der Sexualität (zum Beispiel Geschlechtertrennung, Ehestiftungen, starke Sanktionierung des Ehebruchs), der Kontrolle der Frau (Verhüllung zur Vermeidung aufreizenden Verhaltens, tendenzielle Beschränkung auf den häuslichen Bereich, Beaufsichtigung durch männliche Verwandte) und eines prononcierten männlichen Ehrbegriffes sein könnte. Das traumatische Potential dieses Rituals mag in patriarchalischen Gesellschaften eine Stabilisierung der Machtstrukturen und familialen Bezüge bewirken. Aus psychoanalytischer Sicht resultiert aus dieser definitiven Klarstellung hierarchischer Bezüge eine durch starke Ängste (vor dem ultimativen Schnitt) fundierte patriarchalische Loyalität.

Dass die Beschneidung des Jungen auf dem Höhepunkt der infantilen Sexualentwicklung besondere Entwicklungsrisiken mit sich bringen kann, erscheint zumindest plausibel. Die Beschneidung kann von Jungen, die sich in dieser Phase zunehmend auf ihre Genitalität zentriert erleben, wie eine elterlich herbeigeführte schwere Sanktion oder Kastrationsdrohung erlebt werden. Der schmerzlich-traumatische Eingriff erfolgt unverstellt, bewusst wahrnehmbar und unter direktem Zugriff auf den libidinös und narzisstisch hoch besetzten Genitalbereich. Der ängstigende Gewaltaspekt unterliegt dabei einer bemerkenswerten Verleugnung durch die beteiligten Erwachsenen. Er wird rationalisiert als festlich und forciert freudig gestalteter Männlichkeitsritus. Der kleine Junge, der ja in keiner Weise an der Schwelle zum Mannesalter steht, wird mit hypermaskulinen Attributen und großen Geschenken zum Mann erklärt, eigentlich aber von Erwachsenen manipuliert.

Neben psychotraumatischen Langzeitfolgen kann die Zirkumzision schwerwiegende medizinische Komplikationen nach sich ziehen. Die Häufigkeit postoperativer Komplikationen unter Beachtung medizinischer Standards liegt bei zwei Prozent. Anderen Untersuchungen zufolge schwanken die Raten zwischen null und 16 Prozent in Abhängigkeit von den professionellen Bedingungen. Darüber hinaus bestehen Risiken durch Narkosezwischenfälle bis hin zu Gehirnschäden und Tod.

Eine Fülle rechtfertigender Begründungen der Beschneidung beziehen sich auf hygienische oder gesundheitliche Risiken. Dabei scheint die Phantasie, die auf die Findung angeblicher medizinischer Vorteile der rituellen Frühbeschneidung verwendet wird, die Bemühungen weit zu übersteigen, sich angesichts drohender Verletzungen des Intimbereiches in die Erlebniswelt des Kindes einzufühlen. Frühere medizinische Argumente bezogen sich auf die gesundheitsförderliche Verhütung von Masturbation, Hysterie oder Epilepsie. Heute werden die Vorbeugung von (sehr seltenen) Entzündungen der kindlichen Harnwege und von (noch selteneren und spät auftretenden) Peniskarzinomen aufgrund besserer hygienischer Verhältnisse nach Zirkumzision propagiert, wobei heutige Standards eine effektive Genitalhygiene auch ohne operativen Eingriff ermöglichen und die Erkrankungswahrscheinlichkeiten so gering sind, dass sie unterhalb der Komplikationsrate des Beschneidungseingriffs liegen. Weiterhin wird die durch die Vorhautbeschneidung möglicherweise erschwerte Übertragung sexuell übertragbarer Infektionen angeführt. Diese Argumente besitzen häufig keine empirische Basis. Am besten gesichert ist die infektionsprophylaktische Wirkung der Vorhautbeschneidung für HIV. Aktuell liegen drei afrikanische Bevölkerungsstudien mit jugendlichen und erwachsenen heterosexuellen Männern vor. Es zeigte sich eine bedeutsame Reduktion der Neuinfektionen im Vergleich zur unbeschnittenen Kontrollgruppe. Die Komplikationsrate der Zirkumzision lag zwischen 1,7 und 7,6 Prozent. Allerdings können diese Studien nicht zur Rechtfertigung einer rituellen Beschneidung sexuell noch gar nicht aktiver Jungen oder gar Neugeborener herangezogen werden - das Alter der jüngsten in die Stichprobe eingeschlossenen Jugendlichen betrug 15 Jahre.

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