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Beschneidung : Ritual, Trauma, Kindeswohl

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Vorbilder im Judentum und Islam sind der beschnittene religiöse Erzvater Abraham oder der schon vorhautlos geborene Prophet Mohammed. Denen, die diesen Vorbildern folgen, werden außerordentliche Gratifikationen in Aussicht gestellt, wie die Zugehörigkeit zu einer besonderen göttlichen Bundesgemeinschaft oder jenseitige Freuden. Im Koran selber findet das Beschneidungsgebot übrigens keine Erwähnung. Die säkulare Variante der Säuglingsbeschneidung, die vor allem in den Vereinigten Staaten praktiziert wird, soll angeblich hygienisch-medizinische Vorteile haben. Es existieren jedoch keine wissenschaftlichen Begründungen dafür, die Durchführung der männlichen Genitalbeschneidung nicht auf ein Lebensalter zu verschieben, in dem der Betroffene sich möglichst frei von kindlichen Ängsten eine eigene Meinung bilden und selbst entscheiden kann, ob eine Genitalbeschneidung in Frage kommt oder auch nicht.

Im Gegensatz dazu ist der Schutzanspruch des Kindes vor jeglicher Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung sowie die Achtung seiner Würde und körperlichen Integrität als ethischer Standard juristisch und wissenschaftlich heute gut begründbar. Man tut Kindern nicht weh, man macht ihnen keine Angst. Die Entwicklung dieser Idee begann in Europa 1693 mit John Lockes Schrift „Gedanken über Erziehung“, führte über die Kinderschutzgesetze gegen Ende des 19. Jahrhunderts in England schließlich hin zur UN-Kinderrechtskonvention von 1990 und erst im Jahr 2000 auch in Deutschland zum gesetzlich verankerten Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung. Demnach sind körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen durch die Eltern unzulässig.

Anthropologische und kulturhistorische Betrachtungen zur Entstehung und möglichen Funktion des archaischen Beschneidungsrituals sind zu trennen von der empathischen Perspektive, die einzunehmen ist, wenn es um mögliche Folgen der rituellen Beschneidung für das Erleben und die Entwicklung der betroffenen Jungen geht. Dabei ist aus entwicklungspsychologischer Sicht der Zeitpunkt der Durchführung von großer Bedeutung. Abhängig vom kindlichen Entwicklungsstadium zum Zeitpunkt des Eingriffes und dessen traumatischer Qualität sind psychotraumatische Folgen bis ins Erwachsenenalter möglich.

Die im Körpergedächtnis konservierten Schmerzen selbst der Neugeborenenbeschneidung sind als überschießende Stressantwort auf nachfolgende Impfungen noch nach einem Jahr nachweisbar. Die rituelle Beschneidung fünf- bis siebenjähriger Jungen kann eine angstfreie Konsolidierung ihrer sexuellen Identität erschweren. In traumatisch erlebten Fällen können Störungen der Sexualfunktionen und spätere Partnerkonflikte resultieren. Im Gegensatz zum Säugling verfügt das Kind im Schulalter über differenziertere Wahrnehmungsmöglichkeiten für Beziehungen, Fakten und Vorgänge. Andererseits ist es aber noch bestimmt von wahrnehmungsverzerrenden kindlich-triebhaften Phantasien und Ängsten, weshalb es auf den empathischen Schutz durch seine Eltern angewiesen ist.

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