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Beschneidung : Ritual, Trauma, Kindeswohl

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Das Opfer der männlichen Erstgeburt, das auch in der Geschichte von der Tötung der ägyptischen erstgeborenen Kinder vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten oder der Opferung Isaaks durch Abraham anklingt, wurde im späteren Judentum unter Strafe gestellt und durch das Tieropfer (wie auch im Islam tradiert) abgelöst.

Bis heute beziehen sich die abrahamitischen Religionen - Judentum, Christentum, Islam - auf den Topos des heiligen Blutopfers, speziell des Sohnesopfers, welches in verschiedenen Varianten und Opferpraktiken abgeschwächt oder transformiert wurde, in der kulturellen Latenz aber weiter wirksam ist. Als ethnisch exklusives Zeichen göttlicher Verbundenheit und Opferbereitschaft dient die Beschneidung neugeborener Jungen im Judentum als transgenerational festlich tradierte, verletzende und bleibende Körpereinschreibung auch der verpflichtenden Festigung der gruppal-religiösen Identität: „Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat“, heißt es bedrohlich im Buch Genesis.

Die Forschung zeigt, dass die Erfahrung elterlicher Gewalt während der Kindheit Brüche in der emotionalen Wahrnehmung und Empathiefähigkeit des später erwachsenen Kindes bewirken kann. Kindheitlich erfahrene Traumata können verinnerlicht und später auch selber wiederholt werden. Kollektiv rituell vermittelte traumatische kindliche Erfahrungen können daher zu Empathiebrüchen führen und zu gruppalen Überzeugungen mit Abwehrfunktion organisiert werden. Dadurch kann die Einfühlung in das Erleben der nächsten Opfer desselben Rituals beeinträchtigt werden: Es kann und darf nicht schlecht gewesen sein, was die Eltern damals mit mir gemacht haben. Deshalb tue ich es auch.

Ein solcher traumatisch bedingter Empathiebruch kann aufgrund hoher Eigenbetroffenheit auch die Ängste der eigenen Kinder (zum Beispiel vor der Beschneidung) betreffen und so zu einer Fortsetzung der rituellen Praxis führen, insbesondere wenn diese für Kohäsion und Identität der sozialen Bezugsgruppe wichtig ist. Kollektive Überzeugungen und Rituale werden gruppal also besonders dann unreflektierbar tradiert, wenn der elterliche Gewaltaspekt des betreffenden Rituals aus eigenen Abwehrbedürfnissen heraus verleugnet werden muss. Dann kann das emotionale Erleben von Angst und Schmerz des kindlichen Opfers von den handelnden Erwachsenen nicht mehr empathisch erfasst werden, und eine Täter-Opfer-Kette kann sich transgenerational über lange Zeiträume hinweg etablieren. Eine deutsche Variante, noch gar nicht so lange her: Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet.

Ärztliches Handeln ist auf wissenschaftlicher Grundlage allein dem Wohl des individuellen Patienten verpflichtet und muss zuallererst Schaden von diesem abwenden. Rituell geforderte körperlich invasive Eingriffe, insbesondere gegenüber nicht einwilligungsfähigen Personen, und ärztliches Handeln schließen sich per se aus.

Die Begründung der rituellen Jungenbeschneidung wird aber auch beherrscht von offensiv formulierten hygienisch-medizinischen und religiösen Vorstellungen. Herangezogen wird auch das Grundrecht auf freie Religionsausübung: Der körperverletzende Beschneidungsritus wird dann mit religiösen Gesetzen und Traditionen begründet, welche auf die Absicherung der religiösen Identität und ein gottgefälliges Verhalten zielen.

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