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Zusammenhalt in Corona-Zeiten : Für pflegende Familien wird nicht geklatscht

  • -Aktualisiert am

Deutschland, Stuttgart, 18. Juni 2020: Wenzel Demel, 67, hatte einen schweren Verlauf von COVID-19 und darf nach vier Monaten das erste mal für das Wochenende nach Hause. Die Reha soll noch um zwei Wochen verlängert werden. Bis jetzt kann er nur kurze Strecken mit der Hilfe von Beatmungsgerät und Rollator zurücklegen. Bild: Patrick Junker

Noch stärker als zu anderen Zeiten sind Pflegebedürftige und mit ihnen die Gesellschaft und die Politik auf die Familien angewiesen. Nicht einmal die finanziellen Leistungen werden dem gerecht. Ein Gastbeitrag.

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          Es ist morgens 9:30 Uhr. Der ambulante Pflegedienst verspätet sich erheblich – nicht zum ersten Mal, aber unvorhergesehene Probleme bei zuvor besuchten Patienten kommen immer wieder vor. Die 92 Jahre alte Maria Schneider, dement und schwerstpflegebedürftig, will unbedingt aufstehen. Ihre 62 Jahre alte Tochter Lene bereitet den Patientenlifter vor, um die Mutter auf den Toilettenstuhl zu setzen. Allein das Drehen der Mutter im Bett bringt Lene Schneider zum ersten Mal an diesem Tag an ihre Grenzen, denn ihr Rücken macht Probleme. Endlich kommt der Pflegedienst – aber entgegen allen Absprachen kommt zum wiederholten Mal ein Pfleger, denn das Personal des Pflegedienstes ist zur Zeit wegen der Corona-Pandemie knapp.

          Von einem männlichen Pfleger lässt sich die kriegstraumatisierte alte Dame nicht waschen, und so muss ihre Tochter bei der morgendlichen Grundpflege selbst mit Hand anlegen. Der für den Nachmittag eingeplante Betreuungsdienst meldet sich und teilt mit, dass die Betreuerin erkrankt und Corona-bedingt kein Ersatz möglich ist. Da auch aus dem privaten Umfeld niemand so schnell einspringen kann, muss die Tochter einen wichtigen Kontrolltermin für sich selbst beim Kardiologen verschieben. Mittlerweile ist es 11:35 Uhr. Zur beruflichen Videokonferenz kommt sie zum wiederholten Mal zu spät. Sie hat Glück, denn ihr Chef, ihre Kolleginnen und Kollegen haben viel Verständnis und geben ihr jede Chance zum flexiblen Arbeiten zu Hause. Dennoch überlegt sie ernsthaft, ob sie ihre Arbeitsstelle  nicht doch ganz aufgeben und die erheblichen finanziellen Einbußen auf sich nehmen sollte.

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