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70 Jahre Kriegsende : Das zerklüftete Gedenken

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Ein Mädchen steht in Moskau vor einem Denkmal zu Ehren des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Bild: Frank Röth

Kein anderes Datum eint die Russen so sehr wie der am 9. Mai begangene „Tag des Sieges“ im Zweiten Weltkrieg: Der Schmerz über die Millionen Toten des deutschen Vernichtungskriegs und der Stolz über die Heldentaten der Vorväter und den eigenen Sieg gingen eine unlösbare Verbindung ein.

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          Am 8. Mai 1945 lief in Ilja Ehrenburgs Moskauer Wohnung den ganzen Tag das Radio. Gebannt lauschte der Schriftsteller den englischen und französischen Sendern, die Deutschlands Kapitulation in Reims verkündeten. Das sowjetische Radio verlor darüber kein Wort, es berichtete vom Kampf um das baltische Libau und von der Zeichnung einer neuen Staatsanleihe. Erst um zwei Uhr nachts kam die Sondermeldung über die Kapitulation in Berlin. „Ich schaute zum Fenster heraus“, schreibt Ehrenburg in seinen Memoiren, „in fast allen Wohnungen war Licht. Die Menschen schliefen nicht.“ Im Treppenhaus kamen die Nachbarn zusammen, einige im Nachthemd. „Wir umarmten uns, jemand schluchzte laut.“ Auf der Straße schloss sich Ehrenburg einer Menschenmenge an, die zum Roten Platz zog. „Es war ein außergewöhnlicher Tag, so freudig und traurig zugleich.“

          Dieser „Tag des Sieges“ folgte wegen des Zeitunterschieds zwischen Moskau und Berlin dem westeuropäischen Feiertag nicht nur um einen Tag, er wog emotional auch schwerer. Der Filmwissenschaftler Walerij Fomin hat Wochenschauaufnahmen von Siegesfeiern im Mai 1945 nebeneinandergestellt: Auf dem Trafalgar Square in London und den Pariser Champs-Elysées herrscht ausgelassene Freude, in den Straßen von Moskau und Leningrad konkurriert sie mit dem Schmerz. Während des Krieges hatten die Menschen die Trauer in sich unterdrückt, jetzt brach sie aus ihnen hervor. „Es gab in unserem Land wohl keinen Tisch“, so Ehrenburg, „an dem die Menschen, als sie abends zusammenkamen, nicht einen leeren Platz spürten.“

          Bei Kriegsende waren die meisten der von 1941 bis 1944 umkämpften Städte, Dörfer und Landstriche der Sowjetunion verwüstet. Jahrzehnte später erst wurde bekannt, wie viele Menschen, überwiegend Zivilisten, dem Krieg zum Opfer gefallen waren: es waren wohl 26,6 Millionen. Noch heute hat der 9. Mai in der postsowjetischen Welt eine immense Bedeutung. Es ist ein „Fest mit Tränen in den Augen“, wie die Veteranen bezeugen, wenn man sie am Gedenktag nach ihren Gefühlen fragt.

          Das Gedenken an den 9. Mai 1945 ist auch ein Politikum. Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist in ihren Nachfolgestaaten ein Streit darüber entbrannt, was das Kriegsende bedeutet: War der Sieg von 1945 ein menschheitsbefreiender Akt, oder markierte er den Auftakt zu neuer Unfreiheit? Dieser Streit ist angesichts des russisch-ukrainischen Konflikts noch schärfer geworden. Die zerklüftete Erinnerung an den vergangenen Krieg befeuert den neuen Krieg. Umgekehrt heißt das auch, dass der Weg zur Befriedung Osteuropas einen Dialog zwischen den konträren Gedenkkulturen oder zumindest ihr friedliches Nebeneinander voraussetzt.

          Das offizielle sowjetische Gedenken an den „Großen Vaterländischen Krieg“ war zunächst verhalten. Schon 1948 wurde der zwei Jahre zuvor eingeführte Feiertag des 9. Mai wieder abgeschafft. Stalin war die Erinnerung an den heroischen „Volkskrieg“ ein Dorn im Auge, auch fürchtete er stolze Generäle mit „bonapartistischen“ Neigungen. Der sowjetische Diktator reklamierte den Sieg für sich allein und rief die Bevölkerung auf, alle Kräfte für den Wiederaufbau des Landes einzusetzen. So rückte der 1. Mai im sowjetischen Festtagskalender an die erste Stelle.

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