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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Eigentlich wollte Weizsäcker noch ein Problem hervorheben, das die Wirkung seiner Rede vielleicht verändert hätte. Davon erzählt Friedbert Pflüger, enger Mitarbeiter Weizsäckers und bis 1989 dessen Pressesprecher, in seinen Büchern „Richard von Weizsäcker. Ein Porträt aus der Nähe“ (1990) und „Richard von Weizsäcker. Mit der Macht der Moral“ (2010). Demnach hatte der Präsident die Absicht, „die Begnadigung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß zu fordern“. Beim Thema Heß ging es ihm „ausschließlich um Gnade für den alten Mann, nicht etwa um Relativierung von Schuld und Mitwirkung“, weiß Pflüger und sieht dies vor dem Hintergrund der Biographie des Vaters Ernst.

Pflüger rief am 6. Mai 1985 abends wegen der „verheerenden Wirkung“ des Treffens Reagan/Kohl in Bitburg Weizsäcker an, weil er die Schlagzeile befürchtete: „Präsident fordert Freilassung des Hitler-Stellvertreters!“ Der Präsident „reagierte zuerst sichtlich genervt, weil er ja die Gegenargumente kannte“. Am 7. Mai holte Pflüger ein Meinungsbild im Präsidialamt ein, um ein weiteres Telefonat mit Weizsäcker zu führen, der nur „knurrte“: „Sie haben sie agitiert.“ Erst am Nachmittag lenkte er ein; die Heß-Sätze werde er „bei einer anderen Gelegenheit“ vortragen.

In der Weihnachtsansprache 1985 setzte sich Weizsäcker dafür ein, nach 23 Jahren im südafrikanischen Gefängnis doch endlich Nelson Mandela die „Freiheit zu geben“. Danach leitete er zu einem anderen Thema über, auf das ihn angeblich Berliner auf einem Weihnachtsmarkt angesprochen hätten - auf Heß im Spandauer Gefängnis: „Er war wahrscheinlich kein Kämpfer für Menschenrecht und Freiheit. Als Hitlers Stellvertreter wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Das entspricht unserem Rechtsempfinden. Doch nun verbüßt er seine Strafe seit 44 Jahren. Er ist ein 92-jähriger Greis.“ In der „Hitlerzeit“ habe es keine Gnade gegeben: „Und heute? Barmherzigkeit würde das Urteil über begangene Untaten nicht aufheben, sondern nur noch bekräftigen. ,Gnade ist die Stütze der Gerechtigkeit‘, so sagt es ein tiefes und großherziges russisches Sprichwort.“ Diese solle ihm 1986 zuteil werden - eine Initiative, die im Kreml kein Gehör fand. Heß setzte seinem Leben 1987 selbst ein Ende und stieg im wiedervereinigten Deutschland noch zu einer Ikone der Ewiggestrigen und Rechtsextremisten auf.

Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes spielte die - bei „runden“ Daten in der alten Bonner Republik oft beschworene - Überwindung der Teilung keine Rolle mehr. Am Staatsakt 1995 in Berlin nahmen höchste Repräsentanten der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition teil. Bundespräsident Roman Herzog erklärte den Streit darüber, „ob der 8. Mai 1945 für die Deutschen ein Tag der Niederlage oder ein Tag der Befreiung gewesen sei“, für beendet, weil die Vorgänger Heuss und Weizsäcker - Scheel blieb leider unerwähnt - „dazu schon Richtungweisendes, ja Abschließendes gesagt haben“. Für Herzog stieß der Tag des Kriegsendes vor allem „ein Tor in die Zukunft“ auf. Er dankte daher den „Menschen aller Völker, die an diesem Werk des materiellen und des moralischen Wiederaufbaus beteiligt waren“. Der französische Staatspräsident François Mitterrand erwiderte darauf in seiner Rede höchst einprägsam: „Der Feind von gestern ist der Freund von heute.“

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