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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Einen weiteren Höhepunkt der Rede bildete der Satz: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.“ Damit sprach Weizsäcker - viel direkter als Heuss 1952 - die Deutschen als Mitwisser, Wegschauer und Zuschauer an. Im Gegensatz dazu hatte der frühere Hauptmann der Reserve und Adjutant in einem Elite-Regiment seinen eigenen Vater Ernst, der unter Ribbentrop Staatssekretär des Auswärtigen Amts gewesen und 1949 im Nürnberger „Wilhelmstraßen-Prozess“ wegen bürokratischer Mitwirkung an der Deportation von Juden aus Frankreich nach Auschwitz verurteilt worden war, stets mit Nichtwissen um die „Endlösung“ entschuldigt und zu einem Mann des Widerstandes stilisiert.

Der im Herbst 1998 abgewählte Kohl zeigte sich noch 2001 bei der Arbeit an seinen „Erinnerungen“ entrüstet über Weizsäckers „Anbiederungsrede“. Durch dessen „Bilderbuchrede fürs deutsche Schulbuch“ sei die Ansprache in Bergen-Belsen der Vergessenheit anheimgefallen. Das lag zum einen am glänzenden Vortragsstil Weizsäckers, der den richtigen Ton von Trauer und Mitgefühl getroffen hatte, zum anderen daran, dass er an den Schluss der bewegenden Totenrede einen nachdenklichen Appell stellte, der ihn selbst und seine Familiengeschichte einbezog: „Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“ Außerdem verwies er auf deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten: „Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben. Auch den 8. Mai haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint.“ Um einen visionären Blick auf den Herbst 1989 handelte es sich (obwohl dies manchmal behauptet wird) dabei nicht, wenn auch die Rede insgesamt beim Wiedervereinigungsprozess hilfreich gewesen sein dürfte.

Es ist kurios, dass Kohl in seinen Memoiren quasi die Urheberschaft für Weizsäckers Rede beansprucht: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung, das hatte ich schon in Bergen-Belsen betont, und Bundespräsident Weizsäcker griff den Gedanken in einer großen Rede vor dem Bundestag am 8. Mai 1985 auf.“ Dem Präsidenten gelang allerdings viel mehr: Er würdigte die Opfer, zunächst rassisch und politisch Verfolgte, danach deutsche Gefallene, Vertriebene und Zivilisten, brachte Verständnis für die damals Lebenden und Überlebenden auf und korrigierte vor allem bei den Deutschen - wie der Zeithistoriker Anselm Doering-Manteuffel treffend urteilt - „die Einseitigkeit im Selbstverständnis der vermeintlichen Opfernation“. Trotzdem blieben bei Weizsäcker die Täterschaften weitestgehend im Dunkeln. An einer Stelle hieß es: „Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient.“ Ambivalent klang etwa die Bemerkung: „Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde.“ Weizsäcker ließ offen, wie das zum „Tag der Befreiung“ passte.

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