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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Scheels Ausführungen nahmen manches von dem vorweg, was Weizsäcker ein Jahrzehnt später vertiefte und popularisierte. Das lag nicht zuletzt an Scheels Redenschreiber Michael Engelhard. Der 1936 geborene Jurist, Goethe-Kenner und Puschkin-Übersetzer gehörte bis zum Jahr 2001 dem Auswärtigen Dienst an. Er verfasste fast alle präsidialen Reden Scheels. Das Staatsoberhaupt war laut Mathias Schreiber „in mancher seiner berühmten Reden kaum mehr als der Sprecher seines Schreibers“. Engelhard kehrte 1985 für zwei Jahre ins Bundespräsidialamt zurück, auch wegen Weizsäckers Rede zum 8. Mai: „Zu ihrer Vorbereitung hatte ich Gespräche aller Art geführt und viel gearbeitet, am intensivsten zusammen mit Michael Engelhard, einem Diplomaten unseres Auswärtigen Dienstes, den Walter Scheel mir empfohlen hatte und der dank seiner vollkommenen Unabhängigkeit im Denken und der Schärfe seines gewissenhaften Urteils ein unentbehrlicher Partner geworden war“, gestand Weizsäcker in seinen Memoiren ein.

Zur weithin ausgeblendeten Vorgeschichte der großen Weizsäcker-Rede zählt auch der „Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland“, den Kohl am 27. Februar 1985 im Bundestag vortrug. Hier bezeichnete der 1930 geborene Bundeskanzler den 8. Mai 1945 als „Tag der Erinnerung und der Trauer ebenso wie der Dankbarkeit und der Hoffnung“. Kohl zitierte das Heuss-Diktum „erlöst und vernichtet“, um sich danach - wie 1975 Scheel - mit der gängigen Ost-Berliner Sicht auseinanderzusetzen: „Die Deutschen waren befreit vom Schrecken des Krieges und von den tausend Verstrickungen, die der totalitäre NS-Staat geschaffen hatte. Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Aber Befreiung brachte er nicht allen. Unser Vaterland, die Mitte Europas, wurde geteilt. Für die Deutschen in der DDR und für unsere östlichen europäischen Nachbarn wurde der 8. Mai auf bisher unabsehbare Zeit zum Tag der Ablösung der einen Diktatur durch eine andere.“ Der 8. Mai 1949 stehe durch die Annahme des Grundgesetzes „auch für eine neue Chance, die wir im freien Teil unseres Vaterlandes erhalten haben“; Freiheit und Demokratie blieben der „Auftrag für ganz Deutschland und Europa“.

Wenige Wochen nach dieser Rede geriet Kohl wegen seiner Besuche mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan in der Gedenkstätte Bergen-Belsen und auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg - dort waren auch Angehörige der Waffen-SS bestattet - in mediales Kreuzfeuer. Daher fand sein Vortrag zum Kriegsende wenig Beachtung, den er am 21. April in Bergen-Belsen aus Anlass des 40. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers hielt. Kohl formulierte ähnlich wie Ende Februar im Bundestag: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung. Nicht allen aber verhieß er, wie es sich rasch erwies, neue Freiheit.“

Mit dieser Kritik am SED-Regime unterschied er sich vom Bundespräsidenten, der 17 Tage später im Bundestag konstatierte: Der 8. Mai 1945 „war ein Tag der Befreiung“, um erläuternd hinzuzufügen: „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten.“ Weizsäcker verstärkte seine Ausrufung des 8. Mai zum „Tag der Befreiung“ durch die Redewendung „was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt“ - womit er sein eigenes Urteil als allgemeinverbindlich dekretierte oder wenigstens als Konsensangebot verstand.

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