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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Nach Brandt ergriff für die CDU/CSU-Fraktion der damals 50 Jahre alte - und von Helmut Kohl protegierte - Richard von Weizsäcker das Wort. Der 8. Mai sei für die Deutschen kein Feiertag, aber ein neuer Anfang. Dieser Tag „beendete das sinnlose Sterben und die Zerstörungen eines Krieges, der fast 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Zugleich begannen neue schwere Leiden für viele unschuldige Menschen.“ Es gebe seither „eine neue Zwangsherrschaft“ auf deutschem Boden. Bonn müsse die „motorische Kraft“ zur Einigung eines freien Europa werden. „Unsere Freiheit“ solle der Versöhnung mit allen einstigen Gegnern dienen. „Mit ihr wollen wir allen Deutschen dazu verhelfen, ihre Lebensbedingungen und ihre Beziehungen zueinander selbst frei zu gestalten.“ Diese Freiheit - das wiederholte Weizsäcker 15 Jahre später fast wörtlich - „ist es, die uns mit Zuversicht erfüllt, dass der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das für alle Deutschen verbindlich war“.

Im Jahr 1970 wurden der Moskauer und der Warschauer Vertrag unterzeichnet, auch das Verhältnis zwischen Bonn und Ost-Berlin normalisierte sich hin zum Grundlagenvertrag. In jener Phase war der FDP-Politiker Walter Scheel Außenminister. Im Mai 1974 - wenige Tage nach Brandts Rücktritt - wurde er zum Bundespräsidenten gewählt. Der 1919 geborene Scheel war 1945 Oberleutnant der Luftwaffe und Adjutant gewesen. Er nahm den 30. Jahrestag des Kriegsendes zum Anlass für eine ausführlichere Betrachtung des Nationalsozialismus und war damit stilbildend für seine Nachfolger.

Scheel sagte am 6. Mai 1975 in der Schlosskirche der Universität Bonn im Beisein von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor dem Diplomatischen Corps und vor Ehrengästen: „Unsere ehemaligen Gegner feiern diesen Tag. Die Opfer, die sie für den Sieg über das Unrecht erbracht hatten, geben ihnen das Recht dazu. Wir gedenken dieser Opfer und aller Toten des Krieges in Achtung und Ehrfurcht.“ 30 Jahre zuvor war Deutschland „zerschlagen, zerstört, verachtet, gehasst“: „Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei. Und wir atmeten auf, als dann das Ende kam. Aber wir vergessen nicht, dass diese Befreiung von außen kam, dass wir, die Deutschen, nicht fähig waren, selbst dieses Joch abzuschütteln, dass erst die halbe Welt zerstört werden musste, bevor Adolf Hitler von der Bühne der Geschichte gestoßen wurde.“ Daher hätten die Deutschen „keinen Anlass zu feiern“.

Scheel erwähnte einzelne Opfergruppen, nannte Zahlen der Toten und Vernichteten, hob Hitlers Willen zum Krieg hervor und den „in unserem Namen“ geschehenen „millionenfachen Mord, an Juden, Zigeunern, Geisteskranken, politischen Gefangenen und vielen anderen“. Der Bundespräsident streifte die Frage der Schuld, um darauf eine ausweichende Antwort zu geben: „Ob er sich darum schuldig fühlen oder sich dessen schämen will, das mag jeder Deutscher, der in dieser Zeit als verantwortlicher Mensch lebte, mit sich allein abmachen. Unser Volk hat für die zwölf Jahre der Gewaltherrschaft gebüßt.“ Vertreibung und deutsche Teilung nannte er unter den Folgen des „Dritten Reiches“. Laut Scheel begann „die deutsche Tragödie“ nicht erst 1945, sondern 1933; damals verlor Deutschland seine Ehre: „Wollten wir sie wiedergewinnen, dann mussten wir diese dunkle Zeit auf uns nehmen.“ Für ihn war 1945 der Tiefpunkt: „Fast alles, woran wir irrend geglaubt, wofür wir gekämpft hatten, war uns aus den Händen geschlagen worden.“ Hohen Respekt zollte er auch dem „Geist derer, die Widerstand geleistet hatten, auf dem wir unseren neuen Staat bauten“.

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