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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Die CDU/FDP-Regierung unter Ludwig Erhard, der im mutigen Alleingang im Frühjahr 1965 diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen hatte, hoffte im Mai - so Kanzler-Berater Horst Osterheld - darauf, dass die Westmächte zum 20. Jahrestag der deutschen Kapitulation eine „Deutschland-Erklärung abgäben; aber ihnen war das Gedenken an den Sieg über das Dritte Reich wichtiger, und sie verkündeten die gewünschte Erklärung erst vier Tage später, während der Konferenz der Nato-Außenminister in London“. Bundeskanzler Erhard wandte sich am 7. Mai über Rundfunk und Fernsehen an die Deutschen: In der heutigen Welt begreife kaum noch jemand, „dass Deutschland am 8. Mai 1945 geschlagen und gedemütigt am Boden lag“. Das gewaltsam zertrennte Volk müsse seine Einheit zurückgewinnen. Wenn „mit der Niederwerfung Hitler-Deutschlands Unrecht und Tyrannei aus der Welt getilgt worden wären, dann allerdings hätte die ganze Menschheit Grund genug, den 8. Mai als einen Gedenktag der Befreiung zu feiern. Wir alle wissen, wie weit die Wirklichkeit davon entfernt ist.“

Am selben Tag schimpfte der SPD-Vorsitzende Willy Brandt in Wiesbaden auf ostdeutsche Kommunisten, die mit ihrer „Braunbuch“-Aktion über die belastende Vergangenheit westdeutscher Eliten zum propagandistischen Großangriff anträten: „Die Einheitspartei versucht, der Welt glauben zu machen, dass bei uns im Westen alles braun sei, während man in der Zone die richtigen Konsequenzen aus Krieg und NS-Diktatur gezogen habe.“ Die „Befreiung von Diktatur und Unrecht auch im sowjetisch besetzten Gebiet Deutschlands“ bleibe jedoch die Aufgabe der Deutschen: „Für uns bedeutet der Mai 1945 nicht nur, dass wir frei von etwas, sondern dass wir auch frei für etwas wurden: frei von Zwang, frei für die Würde der Menschen. In diesem Sinn hat die Zone den 8. Mai 1945 erst noch vor sich.“

Viel milder gestimmt gegenüber Ost-Berlin war das politische Bonn am 25. Jahrestag des Kriegsendes. Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD), der als Mitglied der „Bekennenden Kirche“ dem Nationalsozialismus ferngestanden und 1947 besorgt formuliert hatte, „noch aus dem Grab heraus sitzt uns der tote Hitler an der Kehle“, ging am 6. Mai 1970 in seiner Ansprache vor dem Diplomatischen Corps kurz auf das „Dritte Reich“ ein. „Wir hatten unzählige dunkle Stunden zu ertragen, ehe die verbrecherische Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus von uns genommen wurde“, sagte er und erwähnte allgemein „Unmenschlichkeiten des Hitler-Regimes, das so viele in unserem Volke verblendete“.

Im Bundestag fand erstmals eine Gedenkveranstaltung statt. Brandt war seit wenigen Monaten Bundeskanzler. Der einstige Emigrant und Hitler-Gegner, der den 8. Mai 1945 in Stockholm erlebt hatte, empfahl im Zuge der sozialliberalen Ostpolitik einen nüchternen Blick auf die Geschichte: „Was in jenen Tagen vor 25 Jahren von unzähligen Deutschen neben der persönlichen als nationale Not empfunden wurde, war für andere Völker die Befreiung von Fremdherrschaft, von Terror und Angst. Auch für die Mehrheit des deutschen Volkes erwuchs die Chance zum Neubeginn, zur Schaffung rechtsstaatlicher und demokratischer Verhältnisse.“ Das war ein kleiner Seitenhieb gegen die DDR, den er zurücknahm, als er den Wiederaufbau im anderen Teil Deutschlands würdigte. Nicht zuletzt aus der Achtung davor „sollten sich gleichberechtigte Beziehungen zwischen den beiden Staaten in Deutschland gründen lassen“.

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