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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Im Frühjahr 1949 war die Anti-Hitler-Koalition längst zerbrochen. Vom Kalten Krieg profitierten die drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands und durften sich zusammenschließen. Am 8. Mai befasste sich in Bonn das Plenum des Parlamentarischen Rats mit dem Grundgesetz. Die Sitzung eröffnete der CDU-Politiker Konrad Adenauer. Den Antrag der KPD, sofort mit Ost-Berlin „gesamtdeutsche Fragen“ zu erörtern, schmetterte Carlo Schmid (SPD) mit dem Hinweis auf die dortige „Einheitsmeinung in einer Einheitspartei“ ab: „Preußen-Deutschland“ dürfe nicht durch ein „Karlshorst-Deutschland“ abgelöst werden. Theodor Heuss (FDP) erinnerte an die Kapitulation vor vier Jahren. Er frage sich, „ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann“. Danach fielen seine berühmten Worte: „Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ Nach einer langen Debatte wurde kurz vor Mitternacht das Grundgesetz der Bundesrepublik mit 53 Jastimmen gegen 12 Neinstimmen angenommen.

Der im September 1949 zum Bundespräsidenten gewählte Heuss führte alsbald „Feldzüge gegen das Vergessen“ - ohne jedoch in der Frage der Täter für die NS-Verbrechen jemals konkret zu werden. Wichtig war sein Besuch im Konzentrationslager Bergen-Belsen am 30. November 1952. Auch dort wies er die These von der „Kollektivschuld“ aller Deutschen zurück und warb für den Begriff der „Kollektivscham“: Die Juden „werden nie, sie können nie vergessen, was ihnen angetan wurde; die Deutschen dürfen nie vergessen, was von Menschen ihrer Volkszugehörigkeit in diesen schamreichen Jahren geschah“. Dann zählte Heuss Namen der Konzentrationslager auf und sagte: „Wir haben von den Dingen gewusst.“

Schon im Mai 1955 stand in Bonn nicht mehr der „runde“ Jahrestag des Kriegsendes, sondern das nahende Ende des Besatzungsregimes im Vordergrund. Immerhin gedachte die Regierung Adenauer in der Erklärung zum Tag der Souveränität am 5. Mai der „Millionen Deutschen, die gezwungen sind, getrennt von uns in Unfreiheit und Rechtlosigkeit zu leben“. Und Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier (CDU), Überlebender des Widerstands gegen Hitler, wagte einen Blick zurück: „Weil das deutsche Volk im Jahr 1933 seine Rechtssicherheit und seine innere Freiheit an eine totalitäre Diktatur verlor, hat es Jahre danach - am 8. Mai 1945 - auch seine äußere Freiheit verloren.“ Der größere Teil Deutschlands erlange jetzt seine innere und äußere Freiheit zurück. In Ost-Berlin pries Ministerpräsident Otto Grotewohl beim Staatsakt zum „10. Befreiungstag“ die DDR als „Keim eines einigen, demokratischen und friedliebenden Deutschlands“. Adenauer meinte am 9. Mai 1955 in Paris bei der Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato: „Das deutsche Volk hat die Untaten, die von einer verblendeten Führung in seinem Namen begangen wurden, mit unendlichen Leiden bezahlt. In diesen Leiden hat sich seine Läuterung und Wandlung vollzogen.“

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