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1968 : Die Ressource Mensch

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Bild: Haut, Wolfgang

Für die Unternehmen war „1968“ eine mediale und politische Provokation. Zunächst reagierten sie mit kämpferischer Rhetorik nach außen, zunehmend aber auch mit Dialogbereitschaft, professionalisierter Öffentlichkeitsarbeit und schließlich mit Absorption von Kritik und Reformbereitschaft.

          Auch fünf Jahrzehnte nach der Studentenrevolte übt das magische Jahr 1968 eine große Faszination aus. Während in den Feuilletons und Talkshows die sattsam bekannte Geschichte von langhaarigen Revoluzzern und prügelnden Polizisten wiederholt wird, bietet die zeithistorische Forschung ein sehr vielschichtigeres Bild. Schon länger betonen Historikerinnen und Historiker die transnationale Dimension der Ereignisse, also die unterschiedlichen politisch-kulturellen Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen globalen Zentren des Protestes. Neuerdings wird aber auch das „andere 1968“ erforscht: Die angefeindeten Gegner vom RCDS und ihre ebenso tiefgreifenden politisch-generationellen Prägungen rücken ins Rampenlicht (Anna von der Goltz). Die Rolle der Frauen, der Provinz und der Eltern der 1968er vervollständigen die immer umfassendere „Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“ (Christina von Hodenberg).

          Bei der Gesamtbeurteilung geht es dann meist um die „Leistung“ der 1968er, also um die Frage, inwiefern die Studentenrevolte einen gesellschaftlichen Umbruch hin zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung eingeleitet hat. Die Antworten auf diese Frage werden üblicherweise im Bereich des Politischen, der Bildung oder in der Sphäre des Privaten gegeben. Viel weniger beobachtet wird bei dieser Historisierung die Wirtschafts- und Arbeitswelt. Wenn aber „1968“ im Kern eine Revolte gegen traditionelle Autorität und Hierarchie war und es letztlich darum ging, individuelle Freiheitspielräume zu erkämpfen und neue Lebensstile zu erproben, dann liegt es auf der Hand, auch nach den Auswirkungen der Revolte auf die Unternehmen oder – allgemeiner gesagt – auf die westdeutsche Wirtschaft zu fragen. Allgemein gefragt: Mit welchen Strategien gelang es dem westdeutschen Kapitalismus, die Akzeptanz des Ordnungsmodells „Soziale Marktwirtschaft“ aufrechtzuerhalten?

          In den 1960er Jahren konnten sich die westdeutschen Wirtschaftsführer noch lange im eigenen Erfolg sonnen. Sie hatten Vollbeschäftigung und Massenwohlstand in die junge Bundesrepublik gebracht und erwarteten dafür die entsprechende Dankbarkeit. Die bekamen sie auch: Mussten sich die Unternehmer in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch den Vorwurf gefallen lassen, Handlanger des NS-Systems gewesen zu sein, waren sie zu Beginn der 1950er Jahre schon bald unersetzbare Garanten für Prosperität und Stabilität. Geschickt inszenierten sie sich als „Kapitäne des Wirtschaftswunders“, als „geborene Unternehmer“, die dank harter Arbeit und einer gehörigen Spur Genialität den Wiederaufbau nach dem Krieg erfolgreich gesteuert hatten. Von Schuld war keine Rede mehr, und auch die politisch-ökonomischen Ordnungsvorstellungen der Unternehmer hatten sich durchgesetzt: Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft nach westlichem Vorbild wurden von einem Großteil der Bevölkerung befürwortet. Zum Ende der 1960er Jahre wichen aber Selbstgewissheit und Zuversicht ersten Zweifeln und schließlich einer wachsenden Unsicherheit. Die Wirtschaftskrise von 1966/67 hatte gezeigt, dass das kontinuierliche und ungebremste Wachstum vorbei war. Auch wenn sich die Wirtschaft schnell erholte, war ein Ende des „goldenen Zeitalters“ ein mögliches Szenario geworden.

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