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Zukunft des Sozialstaats : Soziale Marktwirtschaft

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Die Notwendigkeit staatlicher Fürsorge

Wie bereits angedeutet, hielten die Ordoliberalen die Marktwirtschaft per se für sozial. Einen Aspekt ihres sozialen Charakters beschrieb Müller-Armack mit dem Hinweis, dass in einer Marktwirtschaft eine große und reichhaltige Gütermenge zu relativ niedrigen Preisen angeboten und dadurch der Realwert des Lohnes erhöht werde. Die gleiche Sicht vertrat Ludwig Erhard im Jahr 1948 in einer Rede auf dem Zweiten Parteikongress der CDU der britischen Zone. Die marktfeindliche Wirtschaftsordnung der letzten Zeit habe keine Leistungsanreize geboten, weshalb es unmöglich gewesen sei, für die Masse des Volkes einen höheren Lebensstandard zu erreichen.

In geradezu klassischer Weise fasste Müller-Armack die verschiedenen sozialen Vorzüge der Marktwirtschaft als solcher im Jahr 1956 in seinem Artikel „Soziale Marktwirtschaft“ im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften zusammen. Darin hob er abermals die durch den Wettbewerb erzwungenen Produktivitätssteigerungen als eine wichtige soziale Leistung hervor. Daneben verwies er auf die Gewährleistung der Konsumentensouveränität, wodurch in einer Marktwirtschaft im Gegensatz zur Planwirtschaft der Konsument die Produktion nach seinen Bedürfnissen lenke. Weiterhin werde, wiederum als Folge des Wettbewerbs, die Möglichkeit eingedämmt, durch wirtschaftliche Monopolstellungen ungerechtfertigte Einkommen zu erzielen. Und schließlich bilde gerade die Marktwirtschaft wegen ihrer hohen Produktionsleistung ein ausreichend tragfähiges Fundament für die staatliche Einkommensumverteilung - wobei er jedoch gleich hinzufügte, dass man sich davor hüten müsse, die Schwelle zu überschreiten, jenseits derer die Störung des Marktes beginne.

Die Notwendigkeit staatlicher Fürsorge für Bedürftige haben die Ordoliberalen im Grundsatz nie bestritten. Sie unterschieden sich untereinander jedoch in der Einschätzung des wünschenswerten Ausmaßes an sozialpolitischen Maßnahmen. Die Positionen Müller-Armacks und Röpkes lagen in dieser Frage relativ weit auseinander. Beide waren allerdings der Meinung, dass eine Zunahme des Lebensstandards breiter Schichten der Bevölkerung durch Wirtschaftswachstum es dem Staat ermögliche, sich auf verbleibende Probleme zu konzentrieren. Für sie wie für die anderen Ordoliberalen gehörte klassische staatliche Sozialpolitik nicht zu den konstitutiven Merkmalen Sozialer Marktwirtschaft.

Auch Teile der CDU waren für Verstaatlichungen

Es wirft auf die politische Entfaltung des Konzeptes der Sozialen Marktwirtschaft in den fünfziger Jahren ein bezeichnendes Licht, dass Müller-Armack in dem erwähnten Handbuchartikel unter den zahlreichen Vertretern der Sozialen Marktwirtschaft eine Person nicht aufführt: Ludwig Erhard. Das entspricht durchaus den Tatsachen. Erhard war seit 1928 in industrienahen Marktforschungsinstituten tätig und hatte gute Kontakte zur Reichsgruppe Industrie. Er gehörte aber nicht zum Kreis der Ordoliberalen und hatte keinen Anteil an der Entwicklung der Grundzüge der Sozialen Marktwirtschaft. Erst nach dem Krieg, als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft und Bundeswirtschaftsminister, machte sich Erhard unter dem Einfluss ordoliberaler Berater wie Leonhard Miksch das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft im Grundsatz zu eigen und versuchte, wichtige Elemente dieser Wirtschaftsverfassung zu verwirklichen.

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