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Zukunft des Sozialstaats : Gleichheit macht frei

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Verallgemeinert heißt das: Je moderner wir leben, umso größer wird die Bedeutung unseres Wissens, unserer Kompetenzen seines Erwerbs, unseres Selbstorganisationstalents und unserer Kooperations- und Gemeinschaftsfähigkeit. Je moderner wir leben, umso chancenreicher existieren wir, und die Vorstellung ist lebensfremd, dass sich die damit verbundene Ungleichheit im Niveau der Chancennutzung jemals bildungs- oder sozialpolitisch egalisieren ließe.

Die Ungleichheitsfolgen der Egalisierung lassen sich eindrucksvoll auch im Kontrast mit jenen Massengesellschaftstheorien erkennen, wie sie in kulturkritischer Absicht in der europäischen Zwischenkriegszeit vertreten wurden. Zu gleicher Zeit erschien im Jahre 1930 Ortega y Gassets „Der Aufstand der Massen“ - ein aufsehenerregendes Buch, das alsbald in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde - und das berühmte Göschen-Bändchen Nr. 1000 des deutschen Philosophen Karl Jaspers, das die „geistige Situation der Zeit“ thematisierte. Ortega y Gasset schrieb: „Die Masse vernichtet alles, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist.“ Jaspers fand, die Masse entfalte die Tendenz, „keine Selbständigkeit zu dulden und keine Größe“, und er verschmähte selbst den alten Tiervergleich mit der „Ameise“ nicht, der später in Anwendung auf China zur Zeit der Großen Kulturrevolution wieder populär werden sollte.

Illusionen in der Bildungspolitik

Selbstverständlich haben auch diese großen Liberalen sich auf Realitäten ihrer Zeit bezogen, und es genügt, an die Marschkolonnen totalitär verfasster Parteien zu erinnern, die damals durch die Straßen zogen und in einigen Ländern die Straßen bereits beherrschten. Aber die einheitsparteilich geprägten totalitären Regime sind untergegangen. Stattdessen haben sich Verhältnisse einer nie gekannten Pluralisierung und Individualisierung herausgebildet.

In der Absicht, die Konsequenzen der in allen modernen Demokratien zunehmenden Ungleichheit zu analysieren, beträte man ein weites Feld. Zweierlei sei herausgegriffen:

Erstens werden komplementär zur Ungleichheit unserer Lebensniveaus über die skizzierten Ausgleichsleistungen des Sozialstaats hinaus auch familiäre und sonstige gruppenspezifische Solidaritätsleistungen neuerlich unentbehrlich und als Anspruch an moralischer Intensität gewinnen - von der Behindertenhilfe in der Familie bis zum sozialen und kulturellen Mäzenatentum der Großvermögenden. Zweitens bleiben wir gerade in egalitär verfassten Gesellschaften auf eine Kultur öffentlicher Anerkennung politisch schlechterdings indisponibler Ungleichheit angewiesen. Das gibt es ja schon, trotz eminenter Vorteile der Leistungsträger: im Sportbetrieb zum Beispiel oder in der Pop-Kultur mit ihren Milliardenumsätzen. Wir nehmen auch als unabwendbar hin, dass die Bedingungen von Gesundheit und Krankheit ungleich verteilt sind.

Illusionäre Vorstellungen der Ausgleichsfähigkeit von Benachteiligungen sind am ehesten noch in der Bildungspolitik verbreitet. Im Endeffekt belasten sie die Benachteiligten, denen man helfen möchte, zusätzlich. Exemplarisch heißt das: Der rundum geförderte Gesamtschüler, der sich nach Kräften, aber schließlich vergeblich bemüht, zu erbringen, was mit ungleich geringerem Aufwand seinem Bankgenossen gelingt, kann nicht leben lernen, wenn er sich fortdauernd als Opfer der Ungerechtigkeit von Bildungschancen eingeschätzt fände.

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