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Glaube, Religion, Kirche : Das unbekannte Christentum

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Männlichkeitsritual in Südafrika: Erfolgreiche Mission Bild: AP

Von allen missionierenden Weltreligionen ist das Christentum die erfolgreichste. Denn von Beginn an gelang es ihm, fremde Kulte, Lehren und Rituale mit seiner eigenen Überlieferung zu verschmelzen und so zu einer Universalreligion zu werden.

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          Wahrscheinlich gibt es kaum ein Feld, auf dem interkulturelle Missverständnisse eine ähnlich große Rolle spielen wie auf dem der Religion. Das gilt insbesondere für die praktischen Religionsausübungen. Denn fremde Religionen werden zunächst rein äußerlich wahrgenommen, nämlich anhand ihrer rituellen Handlungen. Allerdings erschließt sich dem Außenstehenden der Sinn dieser Handlungen keineswegs von selbst. Es ist noch nicht einmal sicher, dass er ihren religiösen Gehalt überhaupt erkennt. Ein Gebetsritual, das aus dem mehrmaligen Niederwerfen des Oberkörpers und der Berührung des Bodens mit der Stirn besteht, könnte aus der Fremdperspektive ebenso gut als Turnübung gedeutet werden. Für die Anhänger einer Religion haben die Rituale dagegen den Charakter von kulturellen Selbstverständlichkeiten. Man befolgt sie, ohne sich über ihren Inhalt und ihre Funktion allzu große Gedanken zu machen.

          Der von außen kommende Beobachter wird die fremden rituellen Übungen und Glaubensüberzeugungen anfangs auf diejenigen beziehen, die ihm aus seiner eigenen Religion bekannt sind. Das Bild der fremden Religion, das er auf diese Weise entwirft, wird daher vom Selbstbild der Anhänger dieser Religion notwendig abweichen. Werden sie mit diesem Fremdbild konfrontiert, dann ermöglicht es ihnen allerdings auch, sich der Aspekte ihrer Religion bewusst zu werden, die sie selbst bis dahin kaum wahrgenommen hatten. Zu Prozessen dieser Art ist es im Verlauf der Geschichte der christlichen Mission immer wieder gekommen.

          Die Fremdwahrnehmung christlicher Praktiken und Glaubensvorstellungen durch die Angehörigen von Lokalreligionen erlaubt es uns, einige der für Außenstehende auffälligsten Züge unserer Religion zusammenzustellen. Sie erweisen sich als die eines uns selbst „unbekannten“ Christentums. Ihre Deutungen mögen uns als kurios und exotisch, in manchen Fällen auch als empörend erscheinen. Doch handelt es sich letztlich um höchst produktive Missverständnisse. Sie liefern eine der möglichen Erklärungen dafür, weshalb das Christentum unter allen missionierenden Weltreligionen bis heute die erfolgreichste ist.

          Die Mission war von Anbeginn an nicht nur ein integraler Bestandteil, sondern auch ein wichtiger Stimulus für die koloniale Expansion Europas. Noch vor der Entdeckung Amerikas waren im Gefolge der ersten portugiesischen Kolonialunternehmungen an der westafrikanischen Küste christliche Missionare im Gebiet der Kongomündung und des Kongobeckens auf Völker gestoßen, die bis dahin noch nie mit den Europäern und deren Religion in Berührung gekommen waren. Die Berichte aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeigen, dass die Bevölkerung dieser Region von dem besonders beeindruckt war, was man als den für das Christentum charakteristischen Reichtum an materiellen Verkörperungen des Heiligen bezeichnen kann.

          Der erste afrikanische Bischof

          Schon mit der ersten Gesandtschaft des Königs von Portugal an Nzinga Nkuwu, den Herrscher der Bakongo, waren in dessen Reich große Mengen von Kreuzen, Kirchengerät und Bildern gelangt. Die Monstranzen, Weihrauchgefäße und Rosenkränze, vor allem aber die Heiligenstatuen und Reliquiare erregten unter den Einheimischen offensichtlich großes Aufsehen, Letztere deshalb, weil sie ihren eigenen Ahnenstatuen und sakralen Objekten äußerlich glichen, ihnen also in ihrer Wirkmacht vertraut schienen.

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