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Deutsche Geschichte(n) : Pest und Cholera

  • -Aktualisiert am

Demonstration für einen Jugendclub im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick Bild: ddp

Brutale Übergriffe auf Einwanderer, Ausschreitungen auf Fußballplätzen, Wahlerfolge rechtsextremer Parteien - viele Nachrichten aus Ostdeutschland passen perfekt ins Bild einer gewaltbereiten, ausländerfeindlichen Bevölkerung. Richard Schröder schaut hinter die Schlagzeilen.

          Was sagt eine ostdeutsche Mutter, die nach ihrem Sohn schauen will? ,Ich muss mal nach dem Rechten sehn.'“ So ein aktueller Westwitz.

          Klaus Schroeder und seine Mitarbeiter haben im Jahr 2004 eine Studie über Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland vorgelegt, die auf der Befragung von 899 Schülern in jeweils einer niedersächsischen, einer brandenburgischen, einer bayerischen und einer thüringischen Kleinstadt beruht. Die Untersuchung unterschied zwischen antizivilem Verhalten (gekennzeichnet durch Gewaltakzeptanz, Devianz, Intoleranz, Autoritarismus und Antiindividualismus) und Rechtsextremismus (Nationalismus, Antisemitismus, Biologismus, Ausländerfeindlichkeit, Antiparlamentarismus und NS-nahes Geschichtsbild). Beides tritt nicht immer gemeinsam auf.

          Im engeren Sinne rechtsextrem eingestellt waren nach dieser Untersuchung 2,1 Prozent der befragten Schüler, und zwar „deutlich mehr männliche als weibliche Jugendliche, in etwa gleich viel in Ost und West, sehr viel mehr im Norden als im Süden sowie mehr Haupt-/Gesamtschüler und Berufsschüler als Gymnasiasten“. Antizivile Einstellungen fanden sich ebenfalls nur bei einem kleinen Anteil der Schüler. Aber viele Schüler fanden Gewalt gar nicht so schlimm: Im Westen waren das 29,9 Prozent, im Osten aber 37,9 Prozent, unter Haupt- und Gesamtschülern 53,8 Prozent, unter Gymnasiasten 17,3 Prozent.

          Klischee und Wirklichkeit

          Über ostdeutsche Jugendliche hatte der Züricher Soziologe Gerhard Schmidtchen schon zehn Jahre früher eine Studie vorgelegt, deren Ergebnisse nicht zu den gängigen Klischees passten: „Ein Test der Persönlichkeitsstruktur ergab, dass es zwischen Ost und West keine Unterschiede gibt, jedenfalls nicht unter jungen Leuten.“ Arbeitsethos und Arbeitsdisziplin seien im Osten sogar ausgeprägter als im Westen, Jugendliche im Osten wiesen eine geringere Tendenz zum Rückzug und zur Selbstschädigung auf. Nach Schmidtchens Worten zeigten die empirischen Untersuchungen sogar, dass das Familienklima besser sei als in Westdeutschland, „das Vertrauen größer, die Akzeptanz der Familienrolle ausgeprägter“. Auch der Erziehungsstil erwies sich damals als besser. Die Eltern gaben den Kindern mehr emotionale Unterstützung, stellten aber auch deutlicher Forderungen. „Mehr junge Leute im Osten sagten, Sohn oder Tochter zu sein, das sei für sie etwas Wichtiges.“ Gerade unter dem Einfluss eines kontrollierenden Systems seien die Familien enger zusammengerückt - was ich aus eigenem Erleben nur bestätigen kann.

          Diese Ergebnisse waren jedoch nur ein Teil des Gesamtbildes. Denn auch Schmidtchen stellte fest, dass junge Menschen im Osten gewaltbereiter seien als im Westen: „Die instrumentelle Gewaltbereitschaft, also sich persönlich zu schützen oder einen Angriff auf die eigene Gruppe abzuwehren, ist größer. 34 Prozent der Jugendlichen im Osten gegenüber 19 Prozent im Westen drücken eine solche instrumentelle Gewaltbereitschaft aus.“ Die Bereitschaft, Legalitätsgrenzen zu überschreiten, erschien ebenfalls im Osten markant höher (29 Prozent West, 48 Prozent Ost). Das Gleiche galt für Vergeltungsbereitschaft und Bereitschaft zu unspezifischem Vandalismus (“Wenn ich mich ärgere, darf ich etwas kaputt machen.“).

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