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Deutsche Geschichte(n) : Juden unerwünscht

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Auch die Tagebücher von Victor Klemperer werden sehr selektiv zitiert Bild: obs

In vielen Veröffentlichungen über die NS-Zeit wird suggeriert, die Vernichtung der Juden sei mit Billigung, ja Hilfe des deutschen Volkes geschehen. Aber viele - vor allem jüdische - Quellen, die zum Beleg herangezogen werden, stützen die These nicht. Von Konrad Löw.

          Die Veröffentlichungen über die Zeit des Nationalsozialismus sind kaum zu überschauen. Dennoch gibt es keinen Konsens in der eminent wichtigen Frage, wie sich die „arischen“ Deutschen den Juden gegenüber verhalten haben.

          Zwei Ansichten stehen sich noch heute gegenüber. Die eine unterstellt meist sinngemäß - auf dem Umschlag einer von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ herausgegebenen Schrift wörtlich -, „dass die Deutschen nicht nur von den Verbrechen der nationalsozialistischen Machthaber wussten, sondern darüber offen informiert wurden und weit aktiver, als bisher bekannt war, mithalfen - durch Zustimmung, Denunziation oder Mitarbeit“. Die gegenteilige Ansicht bekunden folgende Worte: „Ausschreitungen gegen Juden fanden außerhalb der NSDAP kaum Zustimmung.“ Welche der beiden Feststellungen ist richtig?

          Eine geschlossene Gefolgschaft?

          Der erste Anschein spricht dafür, dass der „Führer“ eine geschlossene Gefolgschaft befehligte, die alle seine Entscheidungen, die mörderische Exekution des Antisemitismus eingeschlossen, guthieß. Was uns Goebbels' Propaganda überliefert hat, bestätigt diese Annahme. Fotos und Filme der Reichspropaganda zeigen Menschenmassen, wie sie Hitler und seinen Mannen abgöttisch zujubeln. Die gewaltige Zahl der Mordopfer des Regimes legt ebenfalls die Annahme nahe, dass auch die Zahl der willigen, fanatischen Kollaborateure Millionen und Abermillionen betragen habe. Hinzu kommt schließlich die Tatsache, dass die zurückgebliebenen Habseligkeiten der vertriebenen oder deportierten Juden reißend Absatz fanden und der nun verwaiste Wohnraum umgehend wieder belegt werden konnte.

          So gewichtig diese Tatsachen und Überlegungen sind, es gibt zuverlässigere Beweismittel, um die Frage nach der „deutschen Schuld“ zu beantworten. Die meisten Historiker arbeiten mit den Berichten der amtlichen und parteiamtlichen „Demoskopen“. Doch die Demoskopie als zuverlässige Erkenntnisquelle stand damals noch nicht zur Verfügung und kann wohl nie in einer Diktatur mit Meinungsmonopol, die jede Abweichung brutal sanktioniert, erfolgreich zum Einsatz kommen. Die Spitzelberichte bilden aber einen fragwürdigen Ersatz, da sich für derlei Dienste kaum Leute zur Verfügung stellten, die sich Vertrauen erworben hatten und deshalb von den Gegnern Hitlers ins Vertrauen gezogen wurden. Hinzu kam der Erwartungsdruck seitens der Empfänger, denen der Bote „guter“ Nachricht willkommen war, nicht der der schlechten. So soll Hitler seinen Adjutanten Fritz Wiedemann wutschnaubend zurechtgewiesen haben: „Die Stimmung im Volk ist nicht schlecht, sondern gut. Ich weiß das besser. Sie wird durch solche Berichte schlechtgemacht. Ich verbitte mir so etwas in Zukunft.“ Meldungen und Berichte wie diese müssen zur Kenntnis genommen werden, freilich mit besonderer Skepsis.

          Beweiserhebung und Tatsachenermittlung

          Ähnlichen Bedenken begegnen die Informationen, die der ins Ausland geflohenen SPD von zurückgekehrten Reisenden zur Kenntnis gebracht wurden und heute sieben stattliche Bände füllen. Die überproportional vielen Gegner des NS-Regimes, die hier zu Worte kommen, dürften dazu geneigt haben, den im Ausland weilenden Freunden die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat zu erhalten und deshalb jedes noch so schwache Anzeichen für eine Wende überzeichnet herauszustellen.

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