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Deutsche Geschichte(n) : Juden unerwünscht

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Bella Fromm: „20. September: Ich unterhielt mich immer wieder mit Ladeninhabern und mit Leuten an Tankstellen und in Gaststätten. Sehr oft ist ihre strenge nationalsozialistische Haltung nur eine Vorsichtsmaßnahme. Juden erzählten mir: ,Obwohl wir die Läden nicht betreten dürfen, geben uns die arischen Inhaber doch alles, was wir brauchen, meist nach Ladenschluss.'“ Von alldem und dem, was die Genannten sonst noch an Gewichtigem zu bieten haben, findet sich in Kaplans Buch „Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland“ kein Wort.

Obwohl weder Frau noch Familienvater, wird Victor Klemperer von Kaplan zitiert: „Ich rufe mir immer wieder die Komik der Situation ins Bewusstsein, aber die Erniedrigung quält mich doch sehr.“ Was war vorgefallen? Ein „arischer“ Vorarbeiter hatte den zwangsverpflichteten Klemperer getadelt: „Ich würde mich schämen, solchen Scheißdreck zu arbeiten!“ Doch wer bei Klemperer nachliest, erfährt, dass der Tadel nicht ihm als Juden galt, sondern seiner unzulänglichen Leistung, für die der Vorarbeiter letztlich einzustehen hatte.

Zwangsarbeit und Deportation

Die Episode wird berichtet unter der Überschrift „Zwangsarbeit und Deportationen“. Gerade seine Zwangsarbeit betreffend schildert Klemperer zahlreiche Denkwürdigkeiten, die das Verhalten der Nichtjuden den Juden gegenüber beleuchten. Hier nur eine kleine Auswahl: „Beim Antreten am Montag wurde ich in die Bureauräume im ersten Stock geführt, und der Chef, ein Herr in den Vierzigern, sah meine Papiere. ,Schade, dass wir keine Zeit haben, wie schöne Vorträge könnten wir uns halten lassen, alle Fakultäten sind jetzt bei uns vertreten!' Es klang durchaus gutmütig - ich bin auch noch nirgends einer antisemitischen Regung im Betrieb begegnet.“ Offenbar passen weder diese noch ähnliche Texte Klemperers ins Konzept von Marion Kaplan. Daher werden sie verschwiegen.

Einen sorgfältigen Umgang mit den Quellen verspricht der amerikanische Historiker Robert Gellately, Center for Holocaust Studies, Clark University, Vereinigte Staaten, im Vorwort seines Buches „Hitler und sein Volk“. Da heißt es: „Ich habe versucht, die Opfer der Unterdrückung zu Wort kommen zu lassen, besonders durch die Auswertung von Tagebüchern und sonstigen Zeugnissen. Mein Hauptaugenmerk gilt den Juden.“ Über Klemperer schreibt Gellately: „Einen Eindruck von der positiven Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf die verschiedenen Wellen der Judenverfolgung . . . vermittelt praktisch jede Seite des Tagebuchs von Victor Klemperer. Es stellt die ausführlichste Chronik der Repression und ihrer Durchsetzung . . . dar, die wir besitzen.“ Entgegen der Ankündigung lässt er Klemperer so gut wie nicht zu Wort kommen. Am 25. April 1933 soll Klemperer in sein Tagebuch eingetragen haben, „dass er die Deutschen insgesamt nicht für besonders antisemitisch halte“. Doch davon ist an dieser Stelle nicht die Rede.

„In mehr oder minder hohem Maße antinazistisch“

An anderer Stelle aber heißt es bei Klemperer: „Einzeln genommen sind fraglos neunundneunzig Prozent der männlichen und weiblichen Belegschaft in mehr oder minder hohem Maße antinazistisch, judenfreundlich, kriegsfeindlich, tyranneimüde . . ., aber die Angst vor dem einen Prozent Regierungstreuer, vor Gefängnis, Beil und Kugel bindet sie.“ Nicht einem dieser Klemperer-Zitate begegnen wir in Gellatelys Abhandlung.

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