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Deutsche Geschichte(n) : Juden unerwünscht

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Das Urteil über den wahren Sachverhalt fällt noch schwerer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass selbst zahlreiche jüdische Opfer ganz entschieden ihr Nichtwissen beteuern. Hier nur eine dieser Stimmen: Der Auschwitz-Flüchtling Friedemann Bedürftig glaubte zu wissen: „Die in Auschwitz Ankommenden hatten samt und sonders nicht nur keine Ahnung, wo sie waren, sondern auch nicht die geringste davon, was ihnen zugedacht war. Sie ließen sich nicht etwa wegen ihrer ,rassischen Minderwertigkeit', wie die Nazis gerne behaupteten, fast widerstandslos zur Schlachtbank führen, sondern weil sie gar nicht wussten, dass sie sich auf die Reise dahin begaben.“ Auf derlei Stimmen geht Longerich nicht ein.

Mut zum Überleben

In seiner Besprechung des Buches von Longerich erhebt Daniel Goldhagen einen anderen Vorwurf: „Longerich kann diese zutiefst fehlerhaften Schlussfolgerungen über die Reaktion der Deutschen auf die Verfolgung und die Motive des Regimes glaubhaft machen, indem er Quellen und Beweise in großem Umfang ignoriert und Sichtweisen übernimmt, die erstaunlich überholt, unhaltbar und unbegründet sind . . . Er versäumt es, Marion Kaplans unverzichtbare jüngste allgemeine Studie ,Der Mut zum Überleben' zu erwähnen, ein Buch, das absolut entscheidende Quellen nutzt.“ Goldhagen empört sich über Longerichs Erkenntnis, dass Hitlers Judenpolitik von der Mehrheit der Deutschen missbilligt wurde. Die Lektüre des Buches von Kaplan hätte Longerich eines Besseren belehrt, behauptet Goldhagen. Wirklich?

Der volle Titel von Kaplans Buch lautet: „Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland“. Da müssten jüdische Frauen im Mittelpunkt stehen, die damals in Deutschland lebten. Viele haben ausführliche und für jedermann zugängliche Aufzeichnungen hinterlassen. Manche von ihnen finden sich bei Kaplan im Literaturverzeichnis. Doch keine von ihnen kommt ausführlich zu Wort. Erwähnt seien Else Behrend-Rosenfeld, Inge Deutschkron, Bella Fromm, Hertha Nathorff, Margot Schmidt, Marga Spiegel, Valerie Wolffenstein. Über andere wurden Biographien verfasst, so über Lilli Jahn. Warum bleiben sie nahezu unberücksichtigt? Hier nur drei Kostproben, die nicht die Lektüre der Originale ersetzen können.

Else Behrend-Rosenfeld feiert am 1. Mai 1941 ihren 50. Geburtstag zu Hause in Icking, Isartal, „mit allen hier gewonnenen Freunden, unter denen weder die Nachbarn und die Familie Pr. noch unsere wirklich prachtvolle Lebensmittelhändlerin fehlte, die durch Tillas Sondereinkäufe für diesen Tag nach der Ursache gefragt hatte“. Wenige Wochen später beginnt für sie der Arbeitszwang. „Meine Arbeitskolleginnen gefallen mir gut, es herrscht ein netter, kameradschaftlicher Ton unter ihnen.“

Hohelied der braven Menschen

Inge Deutschkron - sie lebt noch heute in Berlin - erinnert sich an Ereignisse, die schier unglaublich klingen: „Die jüdische Bevölkerung Berlins hatte fast ausnahmslos alles, was ihr nach den Lebensmittelkarten versagt bleiben sollte. Berliner Mitbürger sorgten dafür. Da waren zunächst die Inhaber der Lebensmittelgeschäfte, die ihren alten Stammkunden die ,Extras' zusteckten. Meine Mutter und ich fuhren einmal in der Woche zu Richard Junghans . . . Er versorgte uns mit Obst und Gemüse, als sei das das Selbstverständlichste von der Welt. Ähnlich war es mit unserem Fleischer . . . Nun gab er meiner Mutter die gleiche Menge Fleisch, die unsere Familie in jenen vielen Jahren pro Woche zu verbrauchen pflegte, ohne dass wir auch nur eine einzige Lebensmittelmarke hätten abgeben können . . . Das ,Hohelied' dieser braven Menschen, die ungeachtet der Gefahr, von Nazi-Mitbürgern denunziert zu werden, ihren jüdischen Kunden wenigstens auf diese Weise zur Seite standen, wird nie geschrieben werden, weil diejenigen, die es tun könnten, nicht mehr am Leben sind.“

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