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Deutsche Geschichte(n) : Juden unerwünscht

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Indes übergeht Kershaw die Äußerungen jüdischer Zeitzeugen. Dabei machen sie einschlägige Aussagen in so großer Zahl, dass es sich von selbst verbietet, sie nicht zu berücksichtigen. Hier nur wenige Beispiele solcher Bekundungen, die damals in Deutschland lebende Juden machten: Max Mayer, ein Verwandter des späteren Bundesjustizministers Gerhard Jahn, dessen Mutter 1944 in Auschwitz ermordet wurde, schreibt am 9. Mai 1938 einen ergreifenden, ganz offenbar Wort für Wort reiflich überlegten Brief an einen seiner Enkel. Darin ist zu lesen: „Seit fünf Jahren sind die Juden in Deutschland einem erbarmungslosen Prozess der Ausstoßung aus dem Volkskörper überliefert . . . In Verwirklichung dieser als ,Weltanschauung' aufgemachten These ist eine Orgie von Rassenhass gemacht und eine totale systematische Disqualifizierung des jüdischen Menschen ins Werk gesetzt worden . . . Das tragische Schicksal der Betroffenen zu schildern gehört nicht hierher . . . Ihnen gegenüber steht das ,arische' Volk. Es unterzieht sich dieser befohlenen Judenverfolgung zum Teil bereitwillig . . . Aber zu einem sehr großen Teil lehnt das Volk im Wissen um die Unwahrheit und Ungerechtigkeit der Schlagworte die Verfolgung ab, ohne aber den Betroffenen helfen zu können.“

Dr. Willy Israel Cohn, in Breslau lebend, notierte unter dem 19. September 1941 in sein Tagebuch: „Man hat versucht, weil heute der erste Tag des Judensterns ist, alles noch zu erledigen, um heute nicht allzuviel auf der Straße zu sein. Ich bin übrigens überzeugt, dass alles ruhig ablaufen wird, und habe heute früh beim Milchholen bemerkt, dass es im Grunde den Volksgenossen peinlicher ist als uns!“ Am nächsten Tag: „Dann im Schmuck des Judensterns in die Storchsynagoge gegangen; ich wollte an diesem Tag unbedingt gehen, um mir nicht nachsagen zu lassen, dass ich wegen Feigheit gefehlt hätte; ich bin den ganzen Weg gelaufen, und das Publikum hat sich durchaus tadellos benommen, ich bin in keiner Weise belästigt worden; man hatte eher den Eindruck, dass es den Leuten peinlich ist.“ Am 11. November 1941, wenige Wochen vor seiner Ermordung: „Heute ist meine Frau beim Lebensmitteleinkauf zum ersten Mal angepöbelt worden. Im allgemeinen ist ja das Verhalten des Publikums korrekt!“ Ähnliche Berichte gibt es aus vielen anderen Städten, insbesondere Berlin, wo die meisten Juden lebten.

Nichts gewusst?

Niemand, der die NS-Zeit als Zurechnungsfähiger erlebt hat, wird bestreiten, dass ihm damals die Judenverfolgung zumindest zu Ohren gekommen ist. Gilt dies auch für die massenhafte Ermordung von Juden? Peter Longerich bietet in seinem Buch „,Davon haben wir nichts gewusst!' Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945“ eine Fülle amtlicher Informationen, die Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen geben mussten, so dass man versucht ist, die Frage mit einem an Sicherheit grenzenden Ja zu beantworten. Was Zweifel nährt, sind die Bekundungen von Personen, die in hohem Maß Vertrauen genießen und die bis heute ihre Unkenntnis beteuern, so der vormalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, aber auch Historiker wie Hans-Ulrich Wehler. Helmuth von Moltke, einer der Hitler-Verschwörer vom 20. Juli 1944, den gerade die Judenverfolgung motivierte, schrieb 1943, dass das deutsche Volk nichts von der Tötung Hunderttausender von Juden wisse. „Sie haben immer noch die Vorstellung, dass die Juden nur ausgegrenzt worden sind und nun im Osten in ähnlicher Weise wie vorher in Deutschland weiterlebten.“

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