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Deutsche Geschichte(n) : Juden unerwünscht

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Als Zeitzeugen kommen alle in Frage, die damals in Hitlers Machtbereich lebten, soweit ihr Denken und Tun auf schon zugängliche Weise erfasst worden ist oder noch erfasst werden kann. Zu Gruppen gebündelt sind es insbesondere die Opfer, also mit Blick auf unsere Fragestellung die Juden und ihre Angehörigen, etwa der „arische Gatte“ einer in Mischehe lebenden Jüdin, die „arischen“ Regimegegner, die ausländischen Diplomaten und Journalisten. Auch die militärischen Sieger haben sich auf vielfältige Weise ihr Urteil über das deutsche Volk gebildet. Nicht zu vergessen sind schließlich die Täter, ihre Helfer und Anhänger und zu guter Letzt die Besiegten, die mit den Tätern nicht notwendig identisch sind. Ihre Bekundungen verdienen gleichfalls eine sachliche Würdigung.

Diese Grundsätze einer aufgeklärten Beweiserhebung und Tatsachenermittlung dürften kaum auf Widerspruch stoßen, da sie rechtsstaatlichen wie historiographischen Maßstäben genügen. Doch wird die Literatur zum Thema Deutsche und Juden zwischen 1933 und 1945 diesen Anforderungen gerecht? Im Folgenden sollen die bekanntesten Veröffentlichungen neueren Datums auf diese Frage hin untersucht werden.

Was sind „jüdische Quellen“?

2004 erschien das 894 Seiten umfassende Standardwerk „Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945“. Es versteht sich von selbst, dass darin die anderen Quellen, von denen die Rede war, keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Im Vorwort der Herausgeber heißt es indes: „Die Geschichte der Juden in Deutschland unter der NS-Herrschaft muss auf zweierlei Wegen erschlossen werden: sowohl aus nationalsozialistischen wie auch aus jüdischen Quellen.“ So erhebt sich die Frage doch, ob mit dieser Feststellung die anderen aufgeführten Quellen beiseitegeschoben werden sollen. Die weiteren Ausführungen erwecken den Anschein, als ob die „jüdischen Quellen“ mit den Dokumenten zur Geschichte der Reichsvertretung der deutschen Juden identisch wären. Das ist nicht der Fall. Man denke nur an die zahlreichen Biographien und Autobiographien, an Berichte, Interviews, Fragebögen und Ähnliches mehr, die wir Juden verdanken. Sie sind nicht minder wichtig.

Ohne auf den Inhalt dieses Buches näher einzugehen, sei doch der erste Satz der Einleitung zitiert, da er alles, was folgt, vorwegnimmt: „Wie aus den bisherigen Forschungen zur geheimen NS-Berichterstattung hervorgeht, glaubte das Regime nicht an das monolithische Bild von Staat und Gesellschaft, das von ihm selbst in den Massenmedien dargestellt und von der Welt meist entsprechend wahrgenommen wurde“ - und von vielen auch heute noch wahrgenommen wird. Diese Feststellung betrifft vor allem die Judenfrage.

Das Hitler-Bild

Ian Kershaw, der Autor der großen Hitler-Biographie, veröffentlichte 1999 das Buch „Der Hitler-Mythos: Führerkult und Volksmeinung“. Unter der Kapitelüberschrift „Das Hitler-Bild in der Bevölkerung und die ,Judenfrage'“ lesen wir: „Das Quellenmaterial, das für den Versuch zur Verfügung steht, diese Frage zu beantworten, ist, das muss betont werden, schwer zusammenzustellen und noch weniger leicht zu interpretieren.“ Kershaw erwähnt zwar, dass der Führermythos nicht stark genug war, um aus der Gefolgschaft begeisterte Krieger zu machen. Er war aber auch nicht stark genug, um die Mehrheit der Deutschen in fanatische Antisemiten zu verwandeln, wie dies selbst Hitler, Himmler und Goebbels einsehen mussten. In den Berichten an den SPD-Vorstand im Exil heißt es: „Man kann ohne Übertreibung sagen, dass vier Fünftel der Bevölkerung die Judenhetze ablehnt. Zwar sind nach wie vor an fast allen Ortseingängen und Ausgängen Schilder angebracht mit der Aufschrift: ,Juden sind hier unerwünscht', auch gibt es nur ganz vereinzelt noch Mutige, die mit einem Juden freundschaftlichen Verkehr pflegen - diese sind dann als Judenknechte geächtet -, aber die ganz barbarischen Transparente . . . sind wieder verschwunden.“

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