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Deutsche Geschichte(n) : Eine deutsche Waffenbrüderschaft

  • -Aktualisiert am

Von der RAF entführt: Hanns-Martin Schleyer im Oktober 1977 Bild: dpa

Die RAF und der Staatssicherheitsdienst der DDR waren in vielerlei Hinsicht Brüder im Geiste. Doch nicht nur das. Ohne die Unterstützung durch die DDR wäre die RAF nicht die Terrororganisation geworden, die sie in den siebziger und achtziger Jahren war. Jochen Staadt schildert die die Geschichte dieser deutschen Waffenbrüderschaft.

          Im Juni 1970 folgten der Anwalt Horst Mahler und einige seiner Mitstreiter den Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftern Andreas Baader und Gudrun Ensslin sowie Ulrike Meinhof in den Untergrund. Vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld reisten sie über Beirut zu Schieß- und Sprengübungen in ein Trainingscamp der Al Fatah nach Jordanien. Zwei Monate später kehrte die Gruppe aus Damaskus über Berlin-Schönefeld heimlich nach West-Berlin zurück. Mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes passierten Baader, Meinhof, Mahler und die anderen unkontrolliert den „Antifaschistischen Schutzwall“. Das geschah mit ausdrücklicher Billigung des Stasiministers Erich Mielke.

          In der von Bundeskanzler Brandt (SPD) geführten Bundesregierung ahnten manche schon früh, dass die Baader-Mahler-Meinhof-Gruppe und die DDR zusammenarbeiteten. Indes mochte man angesichts der beiderseitigen Bemühungen um Entspannung davon kein Aufhebens machen. Acht Tage nach dem Untertauchen Ulrike Meinhofs fragte Regierungssprecher Conrad Ahlers am 21. Mai 1970 am Rande der Begegnung von Brandt und DDR-Ministerpräsident Stoph in Kassel den DDR-Diplomaten Michael Kohl, „ob die Meinhof bei uns sei“. Kohl gab vor, Meinhof nicht zu kennen, und erwiderte, man möge „sich in der Bundesrepublik schon um die eigenen Angelegenheiten kümmern“. Doch die RAF war von Anfang an keine westdeutsche Affäre.

          Am 6. August 1970 übersandte der für Auslandsspionage zuständige stellvertretende Stasiminister Markus Wolf seinem „Genossen Minister“ Mielke eine Mitteilung „von zuverlässiger Seite“. Ein Stasiagent, der in der West-Berliner Dependance des „Referats für gesamtdeutsche Fragen“ beim SPD-Parteivorstand arbeitete, hatte eine Eilinformation abgefangen, wonach „Rechtsanwalt Mahler gegen Abend des 23. Juli 1970 von einem Pkw Typ Wartburg mit einer Regierungsnummer“ vom Flugplatz Schönefeld abgeholt worden sei. „Mahler befand sich in Begleitung einer Dame, die nicht erkannt wurde. Möglicherweise handelt es sich bei ihr um Ulrike Meinhof, denn sie traf in der Maschine mit ein.“

          Hauptmann Wunderlich wunderte sich

          Eine genauere Kenntnis des Sachverhalts erlangte Mielke am folgenden Tag durch seine Hauptabteilung IX/2, zuständig für Ermittlungen gegen den politischen Untergrund einschließlich Schmuggel. Diese Einheit teilte ihm am 7. August 1970 mit, dass am Vortag ein Vertrauter Horst Mahlers auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld festgenommen worden sei. Es handelte sich um Hans-Jürgen Bäcker, der sich bei der Zollkontrolle mit einem für Palästinaflüchtlinge bestimmten Pass der Vereinigten Arabischen Emirate als Joseph Nassar Issa ausgewiesen hatte. Außerdem führte er einen auf seinen Klarnamen ausgestellten West-Berliner Personalausweis mit sich sowie einen unausgefüllten, aber schon mit seinem Passbild versehenen Führerschein.

          Die vom Zoll herbeigerufenen Stasioffiziere hatten Bäcker, der „im Gürtel seiner Hose eine beschussfähige Pistole des Typs Llama Gabilondo YC Vitoria - Kaliber 9 mm - zwei Magazine und insgesamt 25 Schuss Munition mit sich führte“, zunächst in ein konspiratives Objekt gebracht. Dort erklärte der falsche Palästinaflüchtling dem Vernehmungsoffizier Hauptmann Wunderlich, dass er nur das Vorauskommando für den Rest der Gruppe sei. Mahler, Baader, Meinhof und die anderen würden in den nächsten Tagen folgen. Man plane, zu einem „noch nicht festgelegten Zeitpunkt in Westberlin gegen das Hauptquartier der USA-Besatzungstruppen, das in der Kantstraße gelegene Büro der amerikanischen Fluggesellschaft Panam und das Springer-Hochhaus Anschläge unter Verwendung von noch zu beschaffenden Sprengmitteln und Brandsätzen durchzuführen“ sowie „den Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters von Westberlin, Neubauer, zu entführen“.

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