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Attentat auf Adenauer : Im Auftrag des Gewissens

  • -Aktualisiert am

Menachem Begin mit Attentäter Elieser Sudit und dessen Frau Dror Bild:

Am 27. März 1952 explodierte im Münchner Polizeipräsidium eine Paketbombe. Sie war an Bundeskanzler Adenauer adressiert. Die Ermittler kamen den Tätern schnell auf die Spur. Einer der fünf Israelis nannte später auch den Namen des Auftraggebers, Organisators und Geldbeschaffers: Menachem Begin.

          Anfang April 1952 nahm die französische Polizei in Paris fünf Israelis fest. Sie standen im Verdacht, an dem Attentat auf Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27. März 1952 in München beteiligt gewesen zu sein. Die Tageszeitung „France Soir“ veröffentlichte am 5. April ihre Namen: Jakow Farshtej, Hermann Fekler, Itzchak Preger, Elieser Sudit und Elieser Shostak. Mit Ausnahme Feklers waren die Israelis ehemalige Aktivisten des Irgun Zwai Leumi oder Mitglieder der Partei Cheruth. Da man ihnen aber nichts nachweisen konnte, wurden vier von ihnen ausgewiesen. Doch der fünfte Israeli - bei ihm hatte die Polizei Waffen gefunden - wurde in Untersuchungshaft genommen. Sein Name: Elieser Sudit.

          Mehr als vierzig Jahre nach diesen Ereignissen schrieb sich Sudit den Albtraum seiner Haftzeit in Paris von der Seele. In seinem Anfang der neunziger Jahre verfaßten Bericht erzählt er ohne Umschweife, warum er nach Paris gekommen war: Er wollte die Ehre des jüdischen Volkes retten. Mit Bomben. Stolz bekennt sich Sudit dazu, Urheber und Haupttäter des Anschlags auf Konrad Adenauer gewesen zu sein. Seiner in hebräisch verfaßten Schrift gab er den Titel „Im Auftrag des Gewissens“ und ließ sie 1994 im Umfang von 146 Seiten im Eigenverlag drucken. Sie hat keine Internationale Standard-Buchnummer (ISBN) und ist in keiner Bibliothek nachweisbar. Sie wäre wohl nie entdeckt worden, hätte es nicht jenen Anrufer gegeben, der das Buch „Attentat auf Adenauer“ gelesen hatte und sich vage an Sudits Schrift erinnern konnte. Er versprach, sie zu suchen. Drei Wochen später lag sie im Briefkasten.

          „Im Auftrag des Gewissens“ ist in einem pathetischen Stil geschrieben, wie fast alle Erinnerungen der Etzel-Aktivisten. Doch in einem Punkt geht das Buch über das Genre hinaus: Es enthüllt ein altes Geheimnis, über das Sudits Mitstreiter von der „Nationalen Militärorganisation“ - so die Übersetzung von „Irgun Zwai Leumi“ - schwiegen bis ins Grab. Das Attentat auf Konrad Adenauer war ein Tabu, darüber wurde nicht geredet. Bezeichnend ist das Jahr der Veröffentlichung - 1994. Menachem Begin, der von Sudit bis zuletzt hochverehrte „Kommandant“ des Etzel, war im März 1992 gestorben; erst nach dessen Tod fühlte er sich berechtigt, Begins Täterschaft und die Umstände des Attentats einem kleinen Kreis von Kampfgefährten und Freunden mitzuteilen.

          So berichtete die Pariser Zeitung „France Soir” am 5. April 1952

          Die Vorgeschichte: Im September 1951 erklärte Konrad Adenauer im Bundestag die Bereitschaft der Bundesregierung „zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung“ gegenüber den Juden. Eine Einigung mit Israel sollte die Integration Deutschlands in das System der Westmächte und die Wiedergewinnung der politischen Souveränität des Landes erleichtern. Zu dieser Zeit drohte dem jungen Staat Israel der Bankrott, da die Integration Hunderttausender Einwanderer aus Europa die Wirtschaft lähmte. So blieb Ministerpräsident David Ben Gurion nichts anderes übrig, als von Deutschland Geld zu fordern. Sein stärkster innenpolitischer Gegner war die rechtszionistische Cherut-Partei, deren Vorsitzender Menachem Begin jede finanzielle Leistung Deutschlands als „Blutgeld“ des „Mördervolkes“ brandmarkte. Am 7. Januar 1952 rief Begin in einer Rede auf dem Zionsplatz in Jerusalem seinen Anhängern entgegen: „Das wird ein Krieg auf Leben und Tod. Es gibt keinen Deutschen, der nicht unsere Väter ermordet hat. Adenauer ist ein Mörder. Jeder Deutsche ist ein Mörder.“ Kurz darauf versuchten Tausende Anhänger der Cherut, die Knesset zu stürmen. Das Land stand am Rand eines Bürgerkriegs.

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