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Hans Rosling : Der schwedische Professor mit dem halb vollen Glas

  • -Aktualisiert am

Jongliert gerne mit bunten Grafiken - der schwedische Medizinprofessor Hans Rosling. Bild: Jörgen Hildebrandt

Hat auch eine unnötige EU-Richtlinie Schuld am Tod vieler Menschen auf ihrer Flucht nach Europa? Verzerren die Medien den Blick auf die Welt? Hans Rosling, ein Großmeister globaler Statistiken, will das mit Zahlen belegen. Hat er recht?

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          „Die Europäische Union tut alles, um die syrischen Flüchtlinge daran zu hindern, in der EU Asyl zu beantragen“, sagt Hans Rosling, Medizinprofessor und Statistik-Liebhaber. In seinen millionenfach geklickten, zwei- bis dreiminütigen Videos erklärt der Schwede seinen Zuschauern mit einfachen Worten und bunten Grafiken die Welt und kommentiert anschaulich aktuelle Themen. Die sorgfältig recherchierten Zahlen untermauern seine oft provokanten Thesen - so zuletzt auch zur Flüchtlingsdebatte.

          Die Europäische Union unternehme zu wenig, lautet Roslings nüchternes Fazit. Die Politik treibe die Flüchtlinge in die Arme der Schlepperbanden und sei Schuld am Tod vieler tausend Menschen im Mittelmeer. Der Grund: Um Asyl in der EU zu beantragen, müssen die Vertriebenen erst in die EU-Länder kommen.

          Warum Flüchtlinge nicht fliegen

          Schon in einem seiner Videos Ende April wies er daraufhin, wie fatal es sei, dass eine Überfahrt mit Schlepperbooten über das Mittelmeer bis zu dreimal teurer als ein Flugticket sei. „Ein Ticket vom Libanon nach London kostet rund 400 Euro. Von Ägypten nach Rom sogar nur 320 Euro“, sagt der schwedische Medizinprofessor. Der gefährliche Weg mit den selten hochseetauglichen Booten im Vergleich rund 1000 Euro.

          Als einen entscheidenden Grund, warum die Flüchtlinge sich dennoch in die Hände der Schlepperbanden begeben anstatt zu fliegen, sei eine EU-Richtlinie. Fluggesellschaften, die Personen ohne Papiere die Einreise in die EU ermöglichen, müssen die „Illegalen“ zurück in ihr Herkunftsland fliegen und alle Kosten tragen. Flüchtlinge hingegen sollen laut Genfer Konvention befördert werden. „Die Entscheidung, wer Flüchtling ist und wer nicht, wird damit dem Bodenpersonal am Flughafen überlassen“, sagt Rosling. Das führe dazu, dass niemand ohne Visa ein Ticket kaufen könne, und den Flüchtlingen keine Alternative zur Mittelmeer-Überfahrt bleibe.

          Bild: dpa

          Seine Analyse des syrischen Flüchtlingsdramas fällt ähnlich aus. Von den zwölf Millionen Flüchtlingen verteilen sich acht Millionen auf andere Regionen in Syrien, rund vier Millionen haben in den syrischen Nachbarstaaten Libanon, Jordanien und in der Türkei Zuflucht gefunden. Laut Hans Rosling seien bis Anfang Juni lediglich 250.000 Syrer, weniger als zwei Prozent, in die EU gekommen, um Asyl zu beantragen. Die Meisten mussten den beschwerlichen Weg über die „Balkanroute“ auf sich nehmen, da es in den Botschaften oder Konsulaten in den Nachbarländern Syriens nicht möglich ist, Asyl für ein EU-Land zu beantragen.

          EU erschwert Asyl-Antrag

          Das EU-Programm „European Agenda On Migration“ soll eben dieser Problematik vorbeugen und es Flüchtlingen ermöglichen, Asyl auch außerhalb der EU zu beantragen. Dies mache die Reise deutlich sicherer. Allerdings umfasst das Programm mit 20.000 Flüchtlingen jährlich, gerade 0,2 Prozent aller syrischen Flüchtlinge. Dies helfe nur einem aus fünfhundert, sagt Rosling. Für den Professor deutlich zu wenig: „Die EU hindert 99 Prozent der syrischen Flüchtlinge daran, das Asyl zu beantragen, was ihnen zusteht“, so Rosling weiter.

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