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Die Beraterbranche : Auch die Reputation hat Kratzer bekommen

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Wohl selten in der Vergangenheit standen Unternehmensberatungen derart im Licht der Öffentlichkeit wie jetzt. Das Geschäft mit der Beratung läuft schon seit geraumer Zeit schlecht.

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          Wohl selten in der Vergangenheit standen Unternehmensberatungen derart im Licht der Öffentlichkeit wie jetzt. Weder der Anlaß für so viel öffentliche Aufmerksamkeit - die Querelen um die Vergabe von Beratungsaufträgen der öffentlichen Hand - noch der Zeitpunkt sind dabei aus Sicht der Branche besonders glücklich.

          Das Geschäft mit der Beratung läuft schon seit geraumer Zeit schlecht - erstmals seit Anfang der siebziger Jahre hatte die Branche im Jahr 2002 mit schrumpfenden Umsätzen zu kämpfen, und auch im vergangenen Jahr gab es ein Umsatzminus. Etwa 12,2 Milliarden Euro setzten die Berater im vergangenen Jahr um, 0,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Viele Unternehmen hatten angesichts ihrer wirtschaftlichen Situation Investitionen in Beratung erst einmal aufgeschoben. Vor allem das in den späten neunziger Jahren noch stark wachsende Geschäft mit der IT-(Informationstechnik-)Beratung brach in den vergangenen Jahren regelrecht zusammen. Hier gibt es beträchtliche Überkapazitäten beim Beratungsangebot.

          Zynismus gegenüber Beratern

          Und auch die Reputation der Zunft hat Kratzer bekommen. "Es gibt einen Zynismus gegenüber Beratern", sagt Gerrit Seidel, Deutschland-Chef von Arthur D. Little (ADL). Diese Haltung ist nicht allein dem Streit über die Beratung der öffentlichen Hand geschuldet. Zu viele Beratungsprojekte waren in der Vergangenheit ohne den gewünschten Erfolg geblieben, zu viele Unternehmen trotz hoher Investitionen in Beratung gescheitert, wie etwa die Swiss Air, ebenso Kunde des Branchenprimus McKinsey wie der amerikanische Energiehändler Enron. Allerdings berät allein McKinsey im Schnitt rund 1000 Kunden gleichzeitig - da grenze es schon an ein Wunder, wenn nicht der eine oder andere Kunde in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriete, sagt der ehemalige McKinsey-Chef Rajat Gupta.

          Etwa 14.200 Beratungsgesellschaften sind im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) organisiert. Dominiert wird der Markt von den Großen der Branche wie McKinsey, der Boston Consulting Group, A.T. Kearney und Roland Berger. Die zehn größten Beratungen haben zusammengenommen einen Marktanteil von knapp 30 Prozent. Die Marktführer haben in den vergangenen Jahren weniger unter der Krise gelitten als die kleinen Gesellschaften, die mitunter nur aus einer Person bestehen - oft ehemalige Berater aus größeren Häusern, die sich selbständig gemacht haben. Weiterhin gewachsen sind mittelgroße, auf bestimmte Branchen oder Beratungsthemen spezialisierte Beratungshäuser.

          In der Regel diskret

          Unternehmensberater arbeiten in der Regel diskret und sprechen kaum über ihre Kunden und Projekte. Daher bleibt ihre eigentliche Tätigkeit nach außen hin immer etwas im dunkeln. Hauptthema mit einem Anteil von rund 35 Prozent vom Umsatz war in den vergangenen konjunkturschwachen Jahren die Restrukturierung der Unternehmen, also die Suche nach Wegen, durch effizientere Prozesse Kosten einzusparen. Dieses Thema sei jedoch weitgehend ausgereizt, meinen Branchenfachleute. Langsam, aber sicher beginnen die Unternehmen, sich wieder mit dem eigenen Wachstum zu befassen. Das Entwickeln von Strategien für wachsende Erlöse und höhere Marktanteile trug zuletzt nur rund ein Viertel zum Umsatz bei. Beratung im Bereich Informationstechnik machte knapp 30 Prozent aus. Auch wenn derzeit nach außen hin ein anderer Eindruck vermittelt wird, so ist der Anteil der Beratung des öffentlichen Sektors am Gesamtgeschäft der Branche mit 9,4 Prozent noch gering. In den Vereinigten Staaten, wo die Unternehmensberatungen gut ein Drittel ihrer Erlöse in diesem Bereich erwirtschaften, und in Großbritannien (13 Prozent) liegt er deutlich höher. Allerdings wächst der Beratungsbedarf im "Public Sector" in Deutschland deutlich - um sechs bis sieben Prozent im Jahr -, und die großen Beratungen haben darauf mit dem gezielten Auf- und Ausbau entsprechender Kapazitäten reagiert.

          Politische Beziehungen

          Ins Gerede gekommen ist die Art und Weise, wie Berater an ihre Aufträge kommen. Gerade im Hinblick auf das Geschäft mit der öffentlichen Hand wird viel über den Wert persönlicher Beziehungen zwischen Auftraggeber und Berater gesprochen. Tatsächlich kommen viele der mit dem "Public Sector" betrauten Berater aus der Politik. Torsten Oltmanns, Berater bei Booz Allen Hamilton, war zuvor im Verteidigungsministerium beschäftigt. Ebenfalls bei Booz Allen, in den Vereinigten Staaten eine der ganz großen auf dem Felde der Politikberatung, heuerte der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig an. Jobst Fiedler, der für Roland Berger den öffentlichen Sektor berät, war zuvor Oberstadtdirektor in Hannover. Und der ehemalige Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig versucht sich mittlerweile als Berater bei Bearing Point, vormals KPMG Consulting.

          Aber auch außerhalb des Beratungsfeldes "Public Sector" spielen Beziehungen aber eine immer größere Rolle. Immer häufiger sind in den Unternehmen ehemalige Berater für den Einkauf von Beratungsleistung verantwortlich. Solche Verbindungen dürften die Auftragsvergabe maßgeblich beeinflussen. Die Vernetzung mit der Wirtschaft hat allerdings für die Beratungshäuser nicht nur Vorteile. Wenn auf Kundenseite ehemalige Berater über die Auftragsvergabe befinden, steigen damit tendenziell auch die Ansprüche des Kunden an seine Berater. Er will schneller meßbare Ergebnisse sehen und läßt sich weniger stark vom Methodenwissen seines Beraters beeindrucken.

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