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Krise in der Ukraine : Kiew hat hier gar nichts unter Kontrolle

  • -Aktualisiert am

Fast stündlich gibt es neue, sich widersprechende Meldungen über Angriffe, Truppenbewegungen, Provokationen: Auch Mariupol versinkt im Chaos. Bild: dpa

In der Ostukraine ist kaum noch zu durchschauen, wer eigentlich wen angreift und warum. Die Wirklichkeit jedenfalls sieht anders aus, als es die Nachrichten aus Kiew und Moskau behaupten.

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          Vor dem Rathaus von Mariupol, einer rußigen Industriestadt am Asowschen Meer im Südosten der Ukraine, sieht die Wirklichkeit wieder einmal völlig anders aus, als die Nachrichten aus Kiew und Moskau behaupten. Aus einiger Entfernung gleicht der fünfstöckige Kasten all den anderen besetzten Verwaltungsgebäuden in den Städten der Region. Zwei Meter hoch haben prorussische Aktivisten schwarze Autoreifen und weiße Sandsäcke aufgetürmt. Glasscherben ragen aus den Säcken heraus, rostiger Stacheldraht krönt die Barriere. Aus den Fenstern hängen russische Fahnen und die Flagge des Donbass, der russischsprachigen Industrielandschaft, deren Bewohner der neuen Führung in der fernen Hauptstadt misstrauen.

          Doch vor dem kleinen Pförtnerhäuschen stehen hier – anders als in Slawjansk oder Donezk – keine grimmigen Kämpfer mit Tarnkleidung, Masken und schweren Maschinengewehren. Es sind blutjunge Kerle, auch einige Frauen in Trainingsanzügen und ausgetretenen Turnschuhen, die Wache halten. Sie saugen an dünnen Zigaretten und lungern herum wie junge Leute anderswo an Bushaltestellen. Aus einem großen Lautsprecher dröhnt patriotische Hip-Hop-Musik. Weit und breit ist keine Waffe zu sehen, nicht einmal ein Schlagstock. Aber die jungen Leute halten das Gebäude fest in ihrer Hand. Sie lassen keine Unbefugten hinter ihren Sandsackwall, schon gar keine Journalisten.

          Die Männer mit Schlagstöcken sprachen russisch

          Am Vortag hatte Arsen Awakow, der ukrainische Innenminister in Kiew, gemeldet, ukrainische Sicherheitskräfte hätten die seit zwei Wochen besetzte Verwaltung in Mariupol wieder unter ihre Kontrolle gebracht. „Das Rathaus ist für die normale Arbeit wieder frei“, schrieb er auf Facebook. Das Innenministerium regele den „Prozess des normalen Funktionierens“. „Awakow? Wer ist das?“, fragt Artjom. Der blonde junge Mann im grauen Kapuzenpullover ist hinter dem Wall hervorgekommen, um ein paar Dinge klarzustellen. Kiew habe hier gar nichts unter Kontrolle, sagt er. In der Nacht zum Freitag seien schwarzgekleidete Männer mit Schlagstöcken aufgetaucht, hätten auf seine Kameraden eingeprügelt und Akten aus dem Rathaus geschleppt. Dann seien sie verschwunden. Die Polizei habe zugeschaut.

          Bild: F.A.Z.

          Laut Artjom, der verschwörerisch leise spricht, waren die Angreifer keine Ukrainer und auch keine Faschisten – also keine Mitglieder der rechtsradikalen Gruppe „Rechter Sektor“, der Moskau und prorussische Aktivisten in diesen Tagen alle möglichen Schießereien vorwerfen. Die Männer in Schwarz, sagt Artjom, hätten reines, klares Russisch gesprochen: „Wahrscheinlich waren sie bezahlte Provokateure aus der Gegend.“ Doch wer sie bezahlt haben soll und warum der Innenminister in Kiew, den hier keiner anerkennt, nun behauptet, die Situation normalisiere sich, darauf hat Artjom keine Antwort. Er weiß nur, dass mehrere seiner Kameraden verletzt worden sind.

          Von Normalisierung ist nichts zu sehen

          Was eigentlich los ist, wer hier wen angreift und warum, ist schwer herauszufinden in diesen Tagen im Donezkbecken. Gerüchte eilen von Stadt zu Stadt; offizielle Quellen beider Seiten verbreiten fast stündlich neue Nachrichten von Provokationen, Angriffen, Truppenbewegungen sowohl der Ukrainer als auch der Russen hinter der Grenze. Fast immer gibt es zwei genau gegensätzliche Darstellungen. Und vor Ort kann man Leute treffen, die dann noch eine dritte, wieder ganz andere Variante des Geschehenen erzählen.

          Vor zehn Tagen hat es in Mariupol schon einmal so einen undurchsichtigen Angriff gegeben. Nach der ersten Version – des ukrainischen Innenministers – war eine ukrainische Militärbasis in der Nähe des Rathauses mit Molotow-Cocktails angegriffen worden. Die Soldaten hätten sich verteidigt und geschossen. Drei der Angreifer sollen getötet, 13 verletzt worden sein. Nach der zweiten Version – des Befehlshabers der „Volksarmee“ der sogenannten Volksrepublik Donezk – waren friedliche prorussische Demonstranten zu der Militärbasis gekommen, um zu verhandeln. Gerüchten zufolge hatte man ihnen erzählt, die Militärs seien bereit, zu ihnen überzulaufen. Dann hätten die Soldaten geschossen.

          Eine dritte Version gibt es auch. Sie stammt von der alten Anwohnerin mit Blumenschürze, die vor dem Eingang der Militärbasis Kartoffeln anbaut. Sie behauptet, auf den Dächern rund um ihr Haus hätten an jenem Unglückstag Scharfschützen unbekannter Herkunft gesessen. „Und die Polizei gibt den Angehörigen die Körper der Opfer nicht frei“, raunt sie noch, bevor sie wieder zum Spaten greift. Zu sehen sind nun nur noch die traurigen kleinen Sträuße roter Nelken, die Trauernde auf dem Asphalt abgelegt haben.

          Vor dem Rathaus von Mariupol, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, ist von Normalisierung und Kontrolle Kiews nichts zu sehen. Artjom und seine Leute wollen bleiben, bis ein Referendum über den Status der Region Donezk abgehalten wird. Er wolle mit der Junta, die da in Kiew illegal an die Macht gekommen sei, nichts zu tun haben, sagt Artjom. Er ist 28. Bevor er begann, seine Heimat zu verteidigen, war er arbeitslos. Hat er überhaupt einen Beruf? „Verteidiger des Vaterlandes. Das können Sie schreiben.“

          „Wir sind keine Verbrecher, wir sind das Volk“

          Eine Umfrage aus Kiew hat kürzlich ermittelt, dass eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung in der Region Donezk bei aller Kritik an der neuen Regierung die bewaffneten Besetzer in ihren Verwaltungsgebäuden nicht unterstützt. Auch soll nur eine Minderheit der russischsprachigen Bevölkerung im Osten wirklich Angst um ihre Rechte haben. Davon wollen Valentina und Nadjeschda, zwei ältere Damen, die in Frühlingsmäntelchen vor dem Rathaus stehen, nichts hören. Natürlich seien sie gegen Waffen. „Aber schauen Sie sich hier um. Wir sind keine Separatisten oder Verbrecher, wir sind das Volk, ganz normale Leute.“

          Und dann bricht eine lange Klage aus ihnen heraus. Von niedrigen Renten und gestiegenen Preisen und von Kiew, wo man sie weder hört noch versteht. Die Hälfte der Stadt arbeite doch in den Stahlwerken, deren schwarze Schornsteine schon von der Autobahn aus zu sehen sind. Auch Nadjeschda hat dort bis zur Rente gearbeitet. Von den alten Kollegen hat sie gehört, dass die Bestellungen aus Russland schon einbrächen. „Wenn nun der Kontakt mit Russland abreißt, dann können sie die Werke dichtmachen. Was wird dann?“

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